Martin Moder

Ich will mit Humor und Hirn Wissenschaft für alle interessant machen


Martin Moder ist Wissenschaftler, entspricht dabei aber so gar nicht dem gängigen Klischee vom verschlossenen Grübler, der sich in seinem Elfenbeinturm verbarrikadiert. Statt dessen vereint Martin sein Wissen als Molekularbiologe mit einer gehörigen Portion Humor und Rampensau-Qualitäten.

Heraus kommt dabei etwa ein Auftritt im Fruchtfliegen-Kostüm, der Martin den Sieg beim Science-Slam-Europafinales in Kopenhagen bescherte. Im Interview erzählt der umtriebige Wissenschafter von seiner Forschung und seinen Ideen, wie das Thema für alle besser aufbereitet werden könnte.

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Wie-Wir-Wollen.at: Du bist Molekularbiologe und forscht aktuell am Forschungszentrum für Molekulare Medizin in Wien. Was machst du da genau?

Martin Moder: Jede einzelne Zelle unseres Körpers, bekommt im Laufe des Tages bis zu 100.000 Schäden an ihrer DNA. Das bedeutet dass jeder der dieses Interview liest, in dieser kurzen Zeit Billiarden von Schäden in seinem Erbgut bekommt. Wer dabei eine Zigarette raucht und im Solarium liegt, treibt die Zahl noch etwas nach oben. Die allermeisten dieser Schäden kann unser Körper reparieren, Zellen haben ein großes Arsenal an DNA-Reparatur-Mechanismen. Aber manche Menschen kommen mit Störungen in diesen Schutzmechanismen auf die Welt. Das führt zu Erbkrankheiten, die einen relativ jung an Krebs erkranken lassen. Ich will mit meiner Forschung verstehen, was diesen Krankheiten zugrunde liegt und suche nach Möglichkeiten, um diese Defekte zu korrigieren.

Gibt es ein besonders spannendes Projekt, an dem du gerade arbeitest?

Derzeit ist es fast unmöglich, als Genetiker nicht an einem spannenden Projekt zu arbeiten. Vergangenes Jahr kam eine Technologie namens „CRISPR Library Screen“ heraus. Sie ermöglicht es, eine Sammlung an Viren herzustellen, von denen jeder Virus ein anderes menschliches Gen deaktiviert. Ich kann diese Viren im Labor an Patientenzellen anwenden und schauen, ob irgendeiner davon den Defekt, der die Krankheit verursacht, kompensiert. Das mache ich derzeit mit Zellen, die Schäden in DNA-Reparatur-Mechanismen haben, wie sie auch bei Patienten auftreten. Gleichzeitig testen wir mithilfe eines Roboterarms die Effekte von tausenden Medikamenten auf diese Zellen. Es ist sehr leicht geworden, sehr viele Dinge zeitgleich und automatisiert zu testen. Das ist einer der Gründe, warum das Gebiet derzeit so boomt. All das genetische Wissen, das über die letzten 60 Jahre gesammelt wurde, findet allmählich Anwendungen. Ich denke es gab nie eine spannendere Zeit, um Genetiker zu sein.

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Wolltest du eigentlich schon immer Wissenschaftler werden?

Ich glaube nicht, zumindest war es mir nicht bewusst. Auf meinem Plan standen alle möglichen Dinge: Astronaut, Polizist, Rockstar und andere Klassiker. Aber ich denke Forschung war mir irgendwie in die Wiege gelegt. Mein Vater ist Professor für Statistik, meine ältere ist Schwester Physikerin. Ich durfte recht früh mit Chemiebaukästen spielen und ich erinnere mich, dass mir mein Vater im Auto oft von Atomen erzählt hat, wenn wir am Wochenende zur Oma gefahren sind. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch ein Produkt seiner Umgebung ist. Eine richtige Leidenschaft für Genetik habe ich aber erst im Laufe meines Biologiestudiums entwickelt. Innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre wird es günstiger werden, seine gesamte Erbinformation lesen zu lassen, als ein MRT durchzuführen. Seit 2013 ist es spielend einfach, Gene im Labor umzuschreiben und vor wenigen Monaten haben chinesische Forscher erstmals den Versuch unternommen, das Erbgut von menschlichen Embryonen testweise zu verändern. Unabhängig davon, wie man dem gegenübersteht, muss man zugeben, dass es aufregende Zeiten sind.

Du bist Science-Slammer und erklärst mit viel Humor und Hirn komplexe Themen. Was könnte das Bildungssystem deiner Meinung nach von dieser Art der Wissensvermittlung lernen?

Ich tu mir ehrlich gesagt schwer mit dem Begriff „Bildungssystem“. Das ist in meinen Augen eine Ansammlung von Lehrerinnen und Lehrern. Manche davon machen einen hervorragenden Job und schaffen es, den Großteil der Schüler zu begeistern und mit Wissen vollzustopfen. Als ich selbst noch zur Schule ging, habe ich bemerkt, dass einem schlechte Lehrer sofort ins Auge stechen, während einem erst nach dem Schulabschluss klar wird, wie bemüht und geduldig manch andere waren. Ich habe zwei Jahre lang in einem Besucherlabor gearbeitet und halte gelegentlich Vorträge an Schulen. Dabei versuche ich immer zuerst zu vermitteln, was an einem Thema so cool ist und warum es wichtig ist, darüber Bescheid zu wissen. Erst danach, wenn ich das Gefühl habe, dass die Schüler von sich aus mehr wissen wollen, schmeiße ich mit Fakten um mich. Jeder Wissenschaftler ist von seinem Gebiet fasziniert, sonst könnte man nicht so viel Energie investieren. Ich bin deshalb überzeugt, dass Forscher besonders gut darin sind, andere zu begeistern.

Gibt es auch auf Seiten der Wissenschaft Nachholbedarf? Also sollte sie sich attraktiver präsentieren und wenn ja, wie?

Wissenschaftler sind in einer schwierigen Situation: Auf der einen Seite sind sie in einem Beruf tätig, der mehr Zeit in Anspruch nimmt, als die allermeisten anderen Jobs. Zeitgleich arbeiten sie auf gesellschaftlich wichtigen Gebieten, die oft so komplex sind, dass sie kaum jemand vermitteln kann, der nicht selbst forscht. Manche Wissenschaftler, inklusive meiner Wenigkeit, entschließen sich deshalb, ihre Freizeit der Wissenschaftskommunikation zu widmen. Aber viele haben Angst davor, außerhalb des Labors etwas zu tun, das öffentlich sichtbar ist. Zukünftige Arbeitgeber könnten ja sehen, dass man nicht ausschließlich im Labor steht. Dazu kommt die Sorge, von den Kollegen nicht ernst genommen zu werden, wenn man Dinge vereinfacht ausdrückt, damit sie auch für Laien verständlich sind. Das ist eine absurde Situation. Die Folge ist, dass Österreich von allen EU Ländern der Grundlagenforschung am negativsten gegenüber steht. Das ergaben zumindest die Eurobarometerstudien. Amerikaner sind uns da weit voraus: Dort erwartet man von erfolgreichen Forschern, dass sie sich auch in der Wissenschaftsvermittlung betätigen. Bei uns wird es eher als Karrierehindernis betrachtet. Gerade in der Genetik, in der momentan ein Durchbruch nach dem anderen erfolgt, wäre es unheimlich wichtig, jetzt einen Dialog zu anzustoßen.

Du kritisierst in deinen Blog-Beiträgen die Berichterstattung und den Diskurs rund um kontroverse Themen wie Gentechnik oder Tierversuche. Was läuft deiner Meinung falsch im Mainstream der Wissenschafts-Berichterstattung?

Ich habe vor einiger Zeit ein Interview zur grünen Gentechnik gegeben, das nicht ausgestrahlt wurde, weil ich mich nicht negativ genug geäußert habe. Es ist erschreckend, wie viel Fehlinformation zu manchen Themen kursiert. Sobald sich eine starke öffentliche Meinung gebildet hat, ist es sehr schwierig, rückwirkend etwas daran zu ändern. Kein österreichischer Politiker könnte sich heute hinstellen und sagen „Ok, vielleicht gibt es Anwendungsgebiete, bei denen gentechnisch verändertes Saatgut sinnvoll ist – für die Umwelt, die Bauern und die Gesundheit der Konsumenten“. Das wäre politischer Selbstmord, seine Argumente würde man sich gar nicht anhören.

Tierversuche sind ein noch schwierigeres Thema. Niemand hat Spaß daran, mit Mäusen zu arbeiten und wo es möglich ist, verwendet man stattdessen Zellkulturen. Ohne die Labormaus gäbe es aber eine Vielzahl an Therapien nicht, die täglich unzählige Menschenleben retten. Obwohl die medizinische Forschung heute sehr fortgeschritten ist, ist die Maus für manche Fragestellungen immer noch unverzichtbar. Aber kaum ein Forscher traut sich offen darüber zu sprechen, aus Angst, es könnte einen Shitstorm gegen ihn oder seine Forschungseinrichtung geben.

Deshalb wäre es wichtig, die Leute up-to-date zu halten – rückwirkende Schadensbegrenzung funktioniert bekanntlich nicht. Wir Menschen tendieren dazu, unsere Meinung beizubehalten, sobald wir uns eine gebildet haben. Routinemäßige Genom-Sequenzierung und Gentherapien sind die nächsten heißen Eisen, die an die Türe klopfen. Aber abseits der Institute hört man davon kaum etwas. Das wird sich bald ändern. Ich hoffe, dass genügend Forscher bereit sein werden, sich dazu zu äußern und dass die Medien sich auch dann für ihre Meinungen interessieren, wenn sie keinen Weltuntergang prophezeien.

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Nachhaltigkeit und eine bewusste Lebensweise liegen glücklicherweise im Trend. Die Kehrseite davon ist eine vor allem online florierende Ablehnung von wissenschaftlichen Errungenschaften – Stichwort Impfen. Wie erklärst du dir diese Tendenz?

Es herrscht ein starkes Bewusstsein für ökologische Probleme, das ist erfreulich. Manche ziehen daraus leider den Trugschluss, dass eine Abkehr von Fortschritt irgendwelche Probleme löst. Die konterintuitive Situation ist die, dass wir gerade aufgrund der ökologischen Probleme noch mehr Forschung und noch mehr technologische Innovation brauchen. Sonst treten wir auf der Stelle und bleiben in den heutigen Problemen stecken. Wir werden uns niemals von Öl und Kohle emanzipieren, wenn wir kein Geld in die Grundlagenforschung investieren, um effektiver Energie zu produzieren und verlustfreier zu speichern. Die Zerstörung des Regenwalds wird nicht aufhören, solange wir es nicht schaffen, auf weniger Fläche mehr Ertrag zu erzielen und zeitgleich den Boden zu schonen.

Impfungen sind die erfolgreichste medizinische Intervention aller Zeiten. Alleine im letzten Jahrhundert sind eine halbe Milliarde Europäer an den Pocken gestorben. Ein Impfprogramm hat diese Geissel der Menschheit ausgerottet. Heute kursieren viele Verschwörungstheorien und irrationale Ängste rund um Impfungen. Das kostet Menschenleben. Erst wenn die Impfrate so weit zurückgeht, dass Fälle von Kinderlähmung und ähnlichen Schrecken auftreten, steigt die Akzeptanz von Impfungen wieder.

Mit dem „Zurück zur Natur“-Gedanken kannst du also nicht viel anfangen?

Ich bin eher ein Anhänger des „Schauen wir was funktioniert und sinnvoll ist“-Gedanken. Ein Beispiel: In jedem zweiten Supermarktprodukt findet man Palmöl. Es werden ungeheure Flächen Regenwald abgeholzt, um entsprechende Plantagen anzulegen. Das ist einer der Hauptgründe, warum der Orang Utan zu den bedrohten Arten zählt. Ein Hersteller von Reinigungsmitteln, die das Palmöl in ihren Produkten durch gleichwertiges Öl, das mithilfe von genetisch veränderten Algen in Tanks hergestellt wird, ersetzt hat, wurde dafür von Umweltschutzorganisationen sehr heftig kritisiert. Die Logik dahinter ist, dass Palmöl natürlich und somit gut sei und Öl aus Gentechnik-Algen hingegen unnatürlich und somit schlecht. Der Regenwald und der Orang Utan werden dabei ausgeblendet. Die Tatsache, dass man gegen Gentechnik ist, macht einen noch lange nicht nachhaltiger. Das ist ein ziemlich blindes Dogma.

Was müsste sich ändern, damit wir in Zukunft in Bezug auf Wissenschaft die richtigen Entscheidungen treffen?

Ich würde mir wünschen, dass wir konsequenter werden und Dinge zu Ende denken. Mir ist aufgefallen, dass Leute, die ihre Ablehnung gegenüber der Wissenschaft kundtun wollen, das meistens via Facebook, also von ihrem Smartphone oder Computer aus, machen. Das ist so, als würde ich dir mit vollgestopftem Bauch erzählen, wie gut meine Diät läuft.

Text und Interview: Raphael Schön, Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Martin Moder



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