Marlene Wagner

Ich will mit sozialer Architektur eine bessere Welt bauen


Angefangen hat alles an der Uni: Die damaligen Architekturstudenten Marlene Wagner und Elias Rubin sind im Jahr 2006 über eine Ausschreibung der Technischen Universität Wien zu einem Design-Build-Projekt in Südafrika gekommen, wo sie beim Bau eines Kindergarten vom ersten Studioentwurf bis hin zur baulichen Umsetzung Vorort beteiligt waren. Die Thematik der „sozialen Architektur“ – und auch das Land Südafrika selbst – haben bei den beiden einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Um dieser Arbeit weiter nachgehen zu können, wurde im Jahr 2010 der gemeinnützige Verein buildCollective ins Leben gerufen.

Die Non-Profit-Organisation buildCollective mit Sitz in Wien versteht sich als aktiv implementierende Organisation, die Raum schafft. Das passiert in unterschiedlichen Konstellationen mit Universitäten (z.B. FH Kärnten), Volontären, NGOs (z.B. s2arch), Endnutzern (z.B. Ithuba Community College) und lokalen Gemeinden in infrastrukturschwachen Gebieten in Afrika.

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Foto: Jennifer Hofer

Dabei spielen Erwachsenenbildung hier wie dort, angewandte Forschung zu alternativen, angepassten Bautechnologien, nachhaltiger Wissenstransfer und kultureller Austausch eine große Rolle. Gemeinsames Planen und Bauen in unterschiedlichen Teams, das gemeinsame Schaffen und das Wissen, dass wir alle auf ein und derselben Weltkugel leben, und daher im selben Boot sitzen, sieht die Architektin Marlene Wagner als Antrieb, und die Arbeit als Investition. „Kunden, denen der Zugang zu monetären Mitteln fehlt, haben genauso das Recht auf gute Architektur und einen schönen Raum“, sagt Marlene.

Wie bei allen NGOs ist Geld auch hier ein ständiges Thema. Ob und wie gut sich ein Projekt finanzieren lässt, hängt von vielen, unsicheren Faktoren ab. Es gibt zwar keine einheitliche Vorgangsweise, trotzdem hat die Realisierung der bisherigen Projekte mittels Fundraising, privaten Sponsoren und Partnerschaften meistens relativ gut funktioniert. Dennoch ist es nicht einfach, den Verein mitsamt seinen Fixkosten über Wasser zu halten. „Grundsätzlich möchten wir Mitarbeiter natürlich bezahlen, aber Freiwillige sind trotzdem immer willkommen“, so Marlene.

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Foto: Anna Weisbrod

Die bauliche Umsetzung der Projekte erfolgt sowohl mithilfe von Volontären und Studierenden aus Europa, die für die selbst bezahlte Reise Unterkunft und Baustellenverpflegung Vorort erhalten, als auch lokalen Arbeitskräften. Dabei geht es Marlene und Elias vor allem darum, die gesammelten Spendengelder so direkt wie möglich an die Gemeinden und Nutzer weiterzugeben.

Die Liste an erfolgreich umgesetzten Projekten ist lang. Von Schulklassen und Werkstätten über Wasserstellen und Toiletten zu Community Center, Spielplätzen und temporären Kunstinstallationen. Das Feedback Vorort ist immer noch positiv ausgefallen und die Projektarbeit hat teilweise sogar Nachahmer gefunden, die mit dem angeeigneten Wissen zum Beispiel eine Taverne gebaut haben.

Teil des Nachhaltigkeitskonzepts von buildCollective ist auch, möglichst lokale Materialen aus der Umgebung zu nutzen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Verwendung von alternativen, ökologischen Baustoffen wie zum Beispiel Strohlehm, der als Wandfüllung und Dämmung zum Einsatz kommt. Die Idee dahinter ist, bewusst traditionelle Bauweisen in einen neuen, modernen Kontext zu setzen.

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Foto: Anna Weisbrod

Ressourcen schonend und nachhaltig zu bauen, bedeutet neben klimatischen Bedingungen auch, die bestehenden Fertigkeiten und traditionellen Bauweisen zu recherchieren. Die Einbeziehung von Nutzern und Auftraggebern in die Planung und Umsetzung fördert wiederum die zukünftige Instandhaltung.

Teilweise werden gemeinsam ganz neue Bauchtechnologien entwickelt, die von den lokalen Arbeitskräften übernommen werden und die sie später selbst anwenden können. Es geht dabei vorrangig um Einkommensstrategien und darum, auch Vorort Arbeitsplätze zu schaffen. Ein Beispiel dafür sind Betonstützen oder Dachträger. Die können die Bewohner mittlerweile selbst vorfertigen, damit sie ihnen buildCollective später abkaufen kann. Die ganze Produktionskette soll auf diese Weise möglichst nachhaltig abgedeckt werden, mit lokalen Teams und so ökologisch wie es geht. Der Fokus liegt demnach auf der gleichwertigen Zusammenarbeit und der Fusion von verschiedenen Formen von Bauweisen und Fertigkeiten.

Diese Projekte beruhen auch ganz stark auf Vertrauen zwischen allen Beteiligten. Marlene beschreibt das Arbeitsumfeld als manchmal sehr herausfordernd: „Im so genannten ,Slum‘ bzw. in der Armut gibt es oft wenig Stabilität und man kann dem bestem Freund nicht vertrauen. Südafrika ist laut den United Nations das ungerechteste Land der Welt. Das bedeutet, dass die Superreichen oft unmittelbar neben den Ärmsten der Bevölkerung leben und eine massive Ungleichverteilung der Ressourcen herrscht.“ Genau dieser Umstand ist es, der die Vereinsarbeit von buildCollective dort so wichtig macht. „Wir arbeiten mit den vorhandenen Ressourcen des Landes und versuchen diese zwischen den beiden Welten Europa und Südafrika wie auch innerhalb Südafrikas auszubalancieren.“

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Foto: Jesko von Jeney

Aktuell arbeitet buildCollective in Kooperation mit einer lokalen Gemeinde und der Fachhochschule Kärnten an einer 140 Meter langen Fußgängerbrücke über den Mzamba Fluss in Eastern Cape, um einem Einzugsgebiet von 30 Kilometern den Zugang zu Bildungseinrichtungen, Gesundheits- und Nahversorgung zu ermöglichen. Dabei handelt es sich um ein sehr ländliches Gebiet ohne Strom, das zum größten Teil aus einfachen Rundhütten besteht. „Auch in Südafrika gibt es das noch. Wenn man nur Kapstadt oder Johannesburg kennt, glaubt man gar nicht, dass Südafrika auch so aussehen kann. Das Gebiet der Pondos (ehemals Transkei), in dem wir arbeiten, ist komplett von jeglicher Versorgung abgeschnitten, da ist 30 Kilometer weit einfach gar nichts. Daher ist diese Brücke sehr, sehr notwendig“, erzählt Marlene. Die Realisierung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit einem 15-köpfigen lokalen Gemeindekomitee, das sich aus traditionellen Stammesführern und politischen Vertretern zusammensetzt. Marlene und Elias sind wie immer auch Vorort und packen an der Baustelle selbst mit an: „Nach monatelanger körperlicher Arbeit geht das ganze Team an seine physische Grenze.

Im Falle der Brücke betragen die Projektkosten, die ausschließlich durch Förderungen, Sponsoren und freiwilliger Arbeitsleistung getragen werden, insgesamt 200.000 Euro. Die letzte Bauphase besteht aus dem Einbau des abgehängten Gehwegs, der Wegführung und Rehabilitation des Umraumes und soll noch dieses Jahr ihren Abschluss finden. Damit die Brücke rechtzeitig vor der Regenzeit fertiggestellt werden kann, sucht buildCollective noch finanzielle Unterstützung.

Für die Zukunft des Vereins wünscht sich Marlene, „dass buildCollective als NPO wächst und nachhaltig agieren kann — auch finanziell. Dass unsere Projekte allen Beteiligten neue Perspektiven der Zusammenarbeit und Karrieren in einen alternativen Lebensweg aufzeigen und sie ihre Perspektiven hin zu einem gemeinschaftsbewussteren Denken ändern.“

Text: Philipp Kienzl; Fotos: Anna Weisbrod, Jesko von Jeney, Jennifer Hofer



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