Christoph Rehage

Ich will zu Fuß von Peking nach Hannover gehen


Wahrscheinlich war jeder schon mal in der Situation, wo öffentliche Verkehrsmittel, Auto, Mitnahmemöglichkeiten und alle anderen Transportmittel versagten, und man sich per pedes auf einen längeren Heimweg machen musste. Eine, zwei, vielleicht sogar ein paar Stunden. Für den heute 33-jährigen Christoph Rehage aus Hannover gerade mal ein kleiner Spaziergang. Denn der Deutsche hat eine außergewöhnliche Leidenschaft: er geht, und zwar tausende Kilometer weit. Immer und immer weiter.

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Begonnen hat alles, als er 2007 in Peking sein Sinologie-Studium vertiefte. Am Morgen seines 26. Geburtstages, am 9. November 2007, fasste er den Entschluss zu Fuß nach Hause zu gehen. Nach Hause, das war Deutschland.

Er ging los, ließ sich einen Bart wachsen und dokumentierte seinen ausgedehnten Walk, der ihn schließlich bis an die Grenze Kasachstans führte. Dort brach er seine Reise ab und lud, wieder daheim, einen Zusammenschnitt auf YouTube hoch. Ein Film, der aus vielen Einzelbildern zusammengesetzt in Zeitraffer die zurückgelegten Kilometer, den Wechsel der Jahreszeiten, viele faszinierende Orte und last but not least das Wachstum seines Bartes dokumentiert. Das Video ging viral, steht heute bei fast 9 Millionen Klicks und ermöglichte ihm, seine Leidenschaft zu seiner Berufung zu machen. Christoph reist, geht, schreibt, macht Vorträge – und er lebt davon.

Seine ursprüngliche Reise durch China lässt ahnen, wie es zu Zeiten eines Marco Polo gewesen sein muss, diese gewaltigen Distanzen ohne Hilfsmittel zu bewältigen. Sie lassen aber auch erkennen, wie einsam und verletzlich man als Individuum abseits des gewohnten Umfelds ist, und wie viel wir auf unseren täglichen Wegen mittels Massentransportmittel oder eigenem Fahrzeugt möglicherweise verpassen.

In einem kurzen Interview gewährt er uns einen verblüffend einfachen Zugang zu seinem ungewöhnlichen Nomadendasein – und erfrischend einfache Tipps für alle, die vielleicht auch mal länger unterwegs sein wollen:

Wie-Wir-Wollen.at: Setzt du dir beim Gehen ein bestimmtes Tages/Etappenziel, oder gehst du einfach in einem bestimmten Rhythmus und siehst wie weit du kommst?
Christoph Rehage:
Ich schaue morgens, wo ich abends ungefähr sein will, um entweder einen Ort zum Schlafen oder eben eine Stelle zum Zeltaufstellen zu finden. Manchmal klappt das aber natürlich nicht.

Von allen Dingen, die man auf so einer Reise vermisst, welche Dinge sind das bei dir?Ich vermisse auf der Reise eigentlich hauptsächlich meine Freundin. Manchmal vermisse ich ein richtiges Bett, wenn ich gerade keins habe. Oder eine Dusche, oder einen Kinofilm auf dem Sofa. Solche Dinge. Aber das hält nie lange an. Meistens vermisse ich meine Freundin, außer, wenn es gerade total viel zu gucken gibt.

Welche Situation(en) ist/sind für dich ein Grund, eine begonnene Reise zu beenden bzw. umzukehren?
Wenn ich das Gefühl habe, ich weiß, wo die Reise hingeht, dann ist alles gut. Auch Schwierigkeiten sind dann gut. Aber wenn ich nicht mehr weiß, wohin ich unterwegs bin, dann ist es vielleicht Zeit, umzudenken.

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Gibt es eine bestimmte Route, die du ungeachtet eventueller Schwierigkeiten unbedingt mal gehen möchtest?
Ich will natürlich weitergehen. Von der Stelle, an der ich zuletzt aufgehört habe. Und dann durch Zentralasien hindurch. Durch Iran. Bis nach Europa. Das ist ein Traum!

Was sind, abgesehen von Schuhen und Kleidung, die fünf wichtigsten Utensilien bei einer weiten Wanderung?
Viele wiederverschließbare Kabelbinder. Kann ich was mit festmachen oder was dranhängen. Meine Kabutze (also meinen Karren, den ich hinter mir herziehe). Notizbuch plus Stift – sonst vergesse ich, wie es war. Nadel, Messer, Iod – um Blasen aufzustechen. Vielleicht eine Kamera. Vielleicht.

Vielen Dank!

Auf seiner Seite www.christophrehage.de gibt es mehr über Christoph zu erfahren. Über seine Projekte, seine Bücher und ob er vielleicht sogar mal in deiner Nähe vorbeikommt.

Text und Interview: Markus Höller



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