Andranik Ghalustians

Ich will das beste Videospiele-Archiv der Welt aufbauen


Wer Andranik Ghalustians Wohnung in Wien betritt, ahnt bereits beim ersten Schritt, womit sich der Besitzer jede freie Minute beschäftigt: Arcade-Automaten, seltene Videospiele-Konsolen, wie neu aussehende Game-Klassiker und abertausende Sammlerstücke sind hier zu finden. Eigentlich könnte man ob der unglaublichen Menge vermuten, dass Andranik in einem Museum für digitale Unterhaltung wohnt — was sich im Gespräch als nicht mal so verkehrter Gedankengang herausstellt.

Gesammelt wird hier aber nicht um des Sammelns willen, sondern eher aus einer historisch, philosophischen Perspektive. Denn erstens spielt Andranik mit seinen Games und Arcades wirklich und zweitens will er seine Mitmenschen an der nach und nach angehäuften Videospiel-Geschichte teilhaben lassen.

Was den wohl enthusiastischsten Videospiele-Sammler Österreichs (und wahrscheinlich sogar der Welt) antreibt, hat er uns im Interview erzählt.

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Wie-Wir-Wollen.at: Wann hast du damit begonnen, Videospiele zu spielen und zu sammeln?
Andranik Ghalustians: Zu sammeln begonnen habe ich vor gut 20 Jahren, also Mitte der 1990er Jahre. Ich war aber davor schon lange Zeit Videospiele-Fan, allerdings nur als reiner Konsument. Im Endeffekt beginnt die Geschichte von Videospiele im heutigen Sinne ja 1972, also in meinem Geburtsjahr. Der Treppenwitz an dem Ganzen ist, dass der 27. Juni 1972, der Geburtstag von Atari, auch mein Geburtstag ist.
Zu spielen begonnen habe ich in den späten 70er Jahren und blieb von da an immer auf dem aktuellen Stand. Ich habe also wie so ziemlich jeder die alten Geräte und Spiele wieder verkauft, um mir das Neueste leisten zu können. Also im Endeffekt genau wie jetzt bei heutigen Videospiele-Fans: Was aktuell und technisch am weitesten vorn ist, ist das Spannendste.

Was war deine erste Konsole beziehungsweise dein erstes Spiel?
Der Einstieg war ganz klassisch mit Pong von Atari. Ich hatte einen Philips G7000, einen Atari 2600, Coleco-Vision und dann kamen schon die ersten Heimcomputer. So um 1983, 1984 herum hatte ich einen Comodore 64, in weiterer Folge Amiga. Dann später natürlich Heimkonsolen von Nintendo und SEGA. Als dann in den 1990er Jahren die Playstation herauskam, ist der Wunsch in mir gereift, auch die ganzen alten Sachen auszuprobieren, die ich damals nicht hatte.

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Gab es einen entscheidenden Moment, ab dem du mit dem Sammeln begonnen hast?
Auslöser war eigentlich ein Besuch auf einem Flohmarkt Mitte der 1990er Jahre, auf dem ich mir spontan einen Amiga 500 gekauft habe. Besser gesagt wieder gekauft, weil ich in meiner Jugend schon mal einen hatte. Und das war so der Startschuss.
Es ist bei vielen Sammlern so, dass sie die Sachen aufkaufen, die sie schon mal gehabt haben. Als ersten Schritt besorgte ich mir all das, das ich früher mal hatte. Dann ergänzte ich die Spiele und das Zubehör, das ich nicht hatte. Manche hören in dieser Phase auf und verkaufen das Zeug vielleicht wieder, bei anderen macht es aber Klick und dann will man Sachen haben, von denen man damals gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Und das war bei mir der Fall und ich ging ab diesem Zeitpunkt auf eine Entdeckungsreise.

Das heißt deine Sammlung begann mit dem Amiga 500 und den passenden Spielen sowie Zubehör. Wie ging es dann weiter?
Mein Fokus lag zunächst vor allem auf Konsolen und Heimcomputern. Vor allem Geräte, die ich früher nicht hatte. Im Laufe der Zeit merkst du, wie viele Pong-Variationen es gab. Das ist immer noch nicht vollständig dokumentiert – da gibt es hunderte.
Heute kannst du dich über das Internet austauschen und dich in der Sammlerszene vernetzen. Dadurch hast du plötzlich zu anderen Ländern Zugang und entdeckst Dinge, die für dich bislang vollkommen verborgen lagen. Alleine Europa ist unglaublich spannend: aus Griechenland, Spanien oder Italien findest du Geräte, von denen du noch nie gehört hast.
Interessant ist, dass die Sammler-Communities dort sehr aktiv sind und den nationalen Bereich meist schon sehr gut dokumentiert haben. Als aussenstehender Sammler ist das natürlich unglaublich spannend.

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Also hast du dann auch über bekannte Konsolen und Heimcomputer hinaus zu sammeln begonnen?
Ja, es kamen dann Arcade-Automaten aus Spielhallen dazu. Das Spannende daran war, das ich früher eigentlich nie damit gespielt, sondern nur im Vorbeigehen als Zuschauer mitbekommen habe. Irgendwann war der Punkt erreicht, dass ich den Konsolen- und Computer-Bereich mehr oder weniger vollständig abgedeckt hatte. Deshalb fing ich an, mich immer mehr für Arcades zu interessieren und wollte mir den Ursprung ansehen. Arcades sind ja eigentlich die Krönung des Ganzen.
Wenn du dir die Spieleszene in den 80er und 90er Jahren ansiehst, merkst du, dass sie vor allem so aufgestellt war, dass Spiele zuerst in den Spielhallen veröffentlicht wurden und für den Heimgebrauch portiert wurden. Das gibt’s heute ja so gut wie gar nicht mehr.
Arcades waren deshalb die primäre Plattform, weil sie technisch mehr Möglichkeiten boten und die damalige technische Speerspitze dargestellt haben. Gleichzeitig konntest du damit damals auch unglaublich viel Kohle verdienen.

Damals privat einen Arcade-Automaten zu besitzen, war wahrscheinlich utopisch?
Das war absolut unvorstellbar. Das ist daran auch das Spannende, dass man sich jetzt als Sammler diesen vor 20 oder 30 Jahren noch unvorstellbaren Wunsch erfüllen kann. Damals war das wirklich nicht vorstellbar, das war als Gedanke eigentlich nicht mal existent, weil es als so unrealistisch galt. Man sagt eigentlich nicht mal Scherzhaft “Stell dir mal vor, du hättest sowas zuhause stehen”. Als klassischer Spielhallen-Besucher hattest du ja nicht mal genug Geld, um alle Automaten überhaupt zu testen.

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Deine heutige Faszination für Arcades fußt also auch auf dieser Utopie?
Ja, das spielt sicher eine sehr große Rolle. Als Sammler sprengst du damit quasi den Rahmen des Möglichen, du lebst quasi das Utopische. (lacht) Ich bezeichne das Sammeln ja oft als moderne Schatzsuche. Als ich im Arcade-Bereich eingestiegen bin, war dieser extrem schlecht dokumentiert. Das Internet, wie wir es jetzt verwenden, gab es damals noch nicht oder auch Emulatoren für Klassiker gab es nicht. Die Exotik der Arcades machte und macht einen ganz besonderen Reiz aus.

Sammelst du um des Sammeln willens oder spielst du alles auch tatsächlich?
Es gibt Sammler, die nur eingeschweißte Spiele sammeln. Das interessiert mich zum Beispiel überhaupt nicht, ich spiele die Spiele auch wirklich. Beziehungsweise sammle ich explizit am liebsten Sachen, die Geschichte in sich tragen. Bei Rollenspielen am PC war es beispielsweise in den 1980er und auch noch 1990ern oft nötig, dass du als Spieler selbst Karten gezeichnet hast. Manche Leute haben sich auch die Arbeit gemacht und tagebuchartige Aufzeichnungen angefertigt. Das sind quasi Artefakte, die zeigen, dass damals mit dem Medium noch anders umgegangen wurde. Interessant wäre zum Beispiel eine Ausstellung, in der es nur um diese Artefakte geht.

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Wie groß ist deine Sammlung aktuell?
Die Eckdaten sind etwa 15.000 Exponate und es gibt zirka 40.000 bis 60.000 Spiele in meiner Sammlung. Laut der letzten Guiness-Buch-Einträge wäre das ein vielfaches der offiziell größten Sammlung der Welt. Der Rekord liegt bei rund 11.000 Spielen. Die schwammige Zahl von 40.000 bis 60.000 Spielen kommt dadurch zustande, dass es zum Beispiel bei manchen Arcade-Platinen gleich mehrere Variationen eines einzelnen Spieles gibt.
Es gibt Schwerpunkte, die besonders umfangreich sind. Ich besitze etwa 500 Arcade-Platinen, 3.000 Zeitschriften und zirka 4.000 PC-Spiele mit Euro-Boxen. Letztere werden von manchen Sammlern ausgespart, weil sie viel Platz brauchen und es keine einheitliche Abspielplattform gibt. Damit ich die Spiele auch spielen kann, habe ich 40 Rechner mit unterschiedlichen Konfigurationen in der Sammlung drin.
Eine genaue Zahl zu nennen, ist gar nicht so einfach. Ich wurde schon oft gefragt, ob ich die größte Sammlung weltweit habe und warum ich mir keinen Guiness-Buch-Eintrag hole.Für mich hat das aber keine wirklich Relevanz. Ich spiele sicherlich in der vordersten Liga mit und es ist zweifellos eine der größten Sammlungen der Welt. Ich lege  aber keinen Wert darauf, dass ich die größte habe. Ich verfolge andere Ziele – Stichwort Museum.

Hast du den Anspruch, irgendwann alle Spiele zu besitzen?
Das halte ich für unmöglich. Da musst du zum Beispiel schon wieder unterscheiden zwischen kommerziell vertriebenen und Hobby-Projekten. Was ist wenn ich mich jetzt einfach Zuhause hinsetze und ein Spiel programmiere, dann müsste das auch inkludiert sein. Wenn du es auch kommerziell angebotene Spiele einschränkst, halte ich eine völlig lückenlose Sammlung auch für ein Ding der Unmöglichkeit.

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Hast du bei deiner Sammlung einen Fokus oder sammelst du alles, was mit Videospiele zusammenhängt?
Grundsätzliche habe ich aber jeden Titel und jedes System, das du in typischen Nachschlagewerken und Enzyklopädien zum Thema Videospiele findest. Darüber hinaus sammle ich aber auch ganz bewusst exotische Hard- und Software, zum Beispiel den Panasonic GameQ, den es nur in Japan zu kaufen gab.
Manche Sammler stecken sich ja zu Beginn ein Ziel und wollen das erreichen. Zum Beispiel alle Spiele eines bestimmten Systems zu sammeln. Bei mir verläuft diese Zielsetzung phasenweise und meine Sammeltätigkeit ist ständig einem Wandel unterworfen, was denke ich auch einzigartig ist.
Bei mir steht zum Beispiel jetzt im Vordergrund, dass ich Veranstaltungen und Ausstellungen mitorganisiere. Ich spiele natürlich auch gerne, aber ich kann mich auch stundenlang hinsetzen und nur über das Thema reden. Ich bin also nicht in jeder freien Minute am zocken.

Das Thema beschäftigt dich aber dennoch rund um die Uhr, hast du eigentlich noch Zeit für andere Hobbys?
Es ist immer präsent, andere Hobbys gibt’s eigentlich nicht mehr wirklich. Das liegt auch daran, dass ich ja rund um dieses Thema mehr machen will, etwa ein Museum oder eine Dauerausstellung, um sich auf einer anderen Ebene mit dem Thema auseinanderzusetzen.

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Wie sehen deine Pläne für ein Museum aus?
Die Pläne sind stark gekoppelt mit Linz, da es dort in der ehemaligen Tabakfabrik unglaublich viel Raum gibt. In Linz gibt es auch den Riesenvorteil, dass dort die Ars Electronica seit über 30 Jahren tätig ist und sich in den letzten Jahren verstärkt mit dem Thema Videospiele beschäftigt. Ich war auch schon mehrmals als Aussteller und Teilnehmer beim Ars Electronica Festival mit dabei.
Interessant ist auch die GameStage AEC, was zeigt, wieviel Relevanz dem Thema Videospiele hier eingeräumt wird.

Du würdest dann die Geräte und Spiele, die du jetzt bei dir zuhause in Wien lagerst, dort ausstellen?
Genau. In Form eines Archivs, Museums, einer Dauerausstellung – je nachdem, wie du es nennst. Seit fast zwei Jahren sind große Teile meiner Sammlung sogar schon in Linz untergebracht. Rund um den Globus gibt es schon ähnliche Museen. In Berlin gibt es etwa das Computerspielmuseum, in Paris ist auch ein ähnliches Museum angedacht.

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Was machst du eigentlich beruflich?
Ich bin Antiquitätenhändler und habe ein kleines Geschäft, das ich von meinem Vater übernommen habe. Das lustige ist, dass mein Vater eigentlich aus der IT-Ecke kommt, dort zu den Pionieren gehörte und sich irgendwann gesagt hat, dass er mit diesen Themen überhaupt nichts mehr zu tun haben will und sich künftig mit Antiqutitäten beschäftigt. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Philosophie, deswegen ist mein Zugang zum Thema Games auch ein teils analytischer und wissenschaftlicher, was mich auch ein wenig auszeichnet.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Raphael Schön, Fotos: Karo Pernegger



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