Florian „Doc“ Kaps

Ich will, dass das Sofortbild weiterlebt


Es gibt einen Grund, warum es Polaroids noch immer gibt. Eigentlich gibt es zwei Gründe: Der erste heißt André Bosman und der andere Florian „Doc“ Kaps. Die beiden haben im Jahr 2008 nach langem und abenteuerlichem Kampf schließlich verhindert, dass die allerletzte Polaroid-Produktionsfabrik in den Niederlanden geschlossen und somit die Marke Polaroid sowie das Sofortbild an sich für immer verschwinden. Sie haben die Fabrik übernommen und mithilfe einiger Chemiker, die innerhalb eines Jahres ein völlig neues Material dafür entwickelt haben, der Instant-Fotografie quasi ein zweites Leben eingehaucht. Das Impossible Project war geboren.

Ein bisschen umfangreicher ist die Geschichte aber doch. Florian „Doc“ Kaps hat sie uns in einer Hymne auf das Analoge erzählt. Er betreibt seit letztem Jahr das SUPERSENSE in der Praterstraße 70 im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Ein Ort, den es so tatsächlich nur einmal auf der Welt gibt. Und das soll auch in Zukunft so bleiben. Das SUPERSENSE ist ein erstaunlicher Hybrid aus Shop, Café und Museum.

_DSC7069

Wie-Wir-Wollen.at: Erzähl doch einmal, wie es überhaupt zum Impossible Project gekommen ist.
Florian Kaps:
Prinzipiell hat das Ganze im Jahr 2004 begonnen, als es allen gedämmert hat, dass das Digitale das Analoge umbringen wird. Ich war damals bei der Lomographischen Gesellschaft (lomography.de, Anm.) und alle haben gesagt, die digitale Fotografie ist nicht mehr aufzuhalten. Irgendwie war aber dann doch etwas zu spüren – und das war sehr interessant – etwas, das bedingt hat, dass die analogen Technologien doch nicht so schnell verschwunden sind, wie man geglaubt hatte. Da war damals die Schallplatte, die einfach nicht totzukriegen war, und niemand wusste wirklich, warum. Ich habe mir dann überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, in die Gegenrichtung zu schauen, wenn alle digital fotografieren, und habe nach dem analogsten Material gesucht, das vorhanden war – und das Polaroid entdeckt. Das war cool, weil man keine Dunkelkammer gebraucht hat, sondern die Fotos in der Hand entwickelt wurden. Dann habe ich mir online eine Kamera bestellt und bin diesem Thema verfallen. Ich habe begonnen, damit zu handeln, mich immer intensiver damit beschäftigt, und das hat dann relativ schnell sehr gut funktioniert, weil sich sonst niemand mehr mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Ich war der Erste, der das auch online angeboten und erklärt hat.

Klingt ja nach einer überraschend reibungslosen Anfangsphase.
Alles hat bestens funktioniert bis zu dem Tag, als Polaroid 2008 bekanntgegeben hat, dass sie die letzte Fabrik zusperren, die Polaroid-Filme herstellt. Stur und verrückt, wie ich bin, habe ich gesagt, das kann man nicht zulassen, habe begonnen, dem Management zu schreiben und es zu malträtieren und habe nichts unversucht gelassen, um das alles zu verhindern. Das war eine lange, abenteuerliche Reise, aber am Ende des Tages haben wir es tatsächlich geschafft, die Fabrik zu übernehmen. Dann hatten wir ein Jahr Zeit, mit den zehn besten Entwicklern dort ein neues Material zu entwickeln. Es war nötig, ein neues chemisches Sofortbildsystem zu entwickeln, und es ist uns auch gelungen – am Anfang zwar mehr schlecht als recht, aber 2010 haben wir unseren ersten Impossible-Film präsentiert und haben ihn seitdem konsequent verbessert.
Das Spannende dabei ist, dass die junge Generation der Leute, die mit dem Digitalen aufgewachsen ist, anfängt, sich wieder immer mehr für das Analoge zu interessieren: Schallplatten, Letterpress und eben auch Polaroid und Sofortbild profitieren davon, dass die Leute irgendwann draufgekommen sind, dass es ihnen schon abgeht, wenn sie die Sachen nicht angreifen können. Es war dann immer mein Traum, einen Ort zu erschaffen, an dem nicht nur Polaroid und das Thema Fotografie behandelt werden, sondern alle unterschiedlichen Sachen, die plötzlich wieder Interesse erwecken. So ist dann dieses SUPERSENSE-Konzept entstanden. Wir bieten nicht nur Polaroid in unterschiedlichen Formaten an, sondern wollen den Leuten, die sich jetzt wieder für Vinyl interessieren, auch die Möglichkeit geben, ihre Platten schneiden zu lassen oder in dem Automaten 90 Sekunden lang eine Single aufzunehmen oder auch selbst Poster zu drucken – all das eben an einem Ort erfahrbar zu machen. Das war so die Idee hinter Impossible und SUPERSENSE.

Das war ja ein Mammutprojekt. Ihr habt quasi einen ganzen Zweig der Fotografie neu erfunden.
Es war nicht einfach nur ziemlich groß – wir haben uns natürlich maßlos übernommen –, sondern eigentlich wirklich unmöglich. Das Gute daran aber war, dass wir keine Ahnung hatten von den Herausforderungen, und so einfach von der Überzeugung getrieben waren, dieses Material zu retten – und es einfach gemacht haben. Das ist auch das Interessante an vielen anderen Technologien und Maschinen, die man hier sieht. Sie alle waren auf dem Weg zum Schrottplatz und wurden dann von jungen Leuten gerettet, liebevoll restauriert und so wieder zum Leben erweckt. Das waren nicht nur wir mit Polaroid, die dafür gekämpft haben, dass das nicht verschwindet, sondern da hat es viele Leute gegeben, die gespürt haben, dass die Sachen, die viele Jahre gewachsen sind und so eine unglaubliche Qualität entwickelt haben, nicht verschwinden dürfen, nur weil die Leute jetzt plötzlich glauben, dass sie alles durch eine Technologie ersetzen können, die nur wenige Jahre hält. Es hat sich ja auch gezeigt, dass es das perfekte Nebeneinander von analog und digital gibt. Die Kombination hat bewiesen, dass der Mensch selbst analog ist, dass es einen Unterschied macht, ob man eine hübsche Dame auf dem Bildschirm küsst oder wirklich in den Armen hält. Da liegt eine Welt dazwischen. Im SUPERSENSE entdecken die Leute ihre Sinne wieder. Das Digitale ist halt hinter einer Glasscheibe und super, aber das Reale hat dann noch einmal eine andere Intensität.

_DSC7107

Wie sieht dein beruflicher Hintergrund aus?
Ich habe Biologie studiert und mehrere Jahre damit verbracht, zu untersuchen, was die amerikanische Jagdspinne sieht. Jede Spinne hat acht Augen und niemand weiß genau, warum, aber es muss einen Sinn haben, sonst hätten sie ja nicht acht davon. Bitte frag jetzt nicht, was genau Spinnen sehen, dafür müsste ich wohl noch ein paar Jahre dranhängen.

Gibt es eine Verbindung zwischen den Spinnenaugen und dem, was du jetzt machst?
Ja! Ich habe mir das natürlich mühsam konstruiert, damit auch mein Vater einen Sinn darin sieht, dass er mich jahrelang finanziert hat. Nein, also es hat schon wirklich einen Sinn. Für mich reduziert sich das meiste auf die biologische Ebene, wie wir als Menschen funktionieren, wie Reize weitergeleitet werden oder was einen glücklich oder unglücklich macht. Das hängt mit den Sinnen zusammen und ich glaube auch, dass dadurch, dass im Digitalen momentan so viele Sinne gereizt werden, ein Vakuum entsteht, das junge Leute so hungrig macht nach analogen Abenteuern und der Auseinandersetzung mit der Druckerfarbe, der Schallplatte und mit Covers, Gestaltung und Handwerk. Das ist einfach dieses Sensorische. Und auch die wissenschaftliche Herangehensweise, wie etwas funktioniert und wie nicht, ist interessant. Aber eine direkte Verbindung – nein, die gibt es nicht.

Hast du dich für dieses SUPERSENSE-Konzept von etwas inspirieren lassen, das schon jemand anderer gemacht hat?
Generell bin ich ja ein großer Gegner vom Selbererfinden. Das habe ich eine Zeitlang probiert, aber es ist sinnlos, weil das Internet so brutal ist und selbst, wenn man die größte Erfindung eingibt, zeigt sich, dass das schon 35 andere Leute gemacht haben. Was ich super finde, ist aufmerksam durchs Leben zu gehen und zu lernen und dann die perfekte Kombination aus verschiedenen übernommenen Elementen zu finden. Steve Jobs hat mit dem iPod ja auch keine komplett neue Technologie, sondern nur durch eine perfekte Kombination aus Elementen ein neues Gesamtkonzept erschaffen. Etwas wie SUPERSENSE gibt es meines Wissens sonst noch nirgends auf der Welt, weil es eine bestimmte Mischung aus unterschiedlichen Technologien ist. Es gibt alles, was es hier gibt, bestimmt noch irgendwo anders auf der Welt, aber in diesem konkreten Zusammenspiel und in dieser Intensität wohl nirgends sonst. Da spielt Wien auch als Standort eine wichtige Rolle, weil es auch immer eine stolze Vorreiterrolle in unterschiedlichen Aspekten gehabt hat – in der Musik zum Beispiel, und in der Kaffeehauskultur –, die man sehr oft auch vergisst. Das hier ist der Versuch, etwas Neues zu schaffen, etwas, das auch nur an diesem Ort funktionieren kann. Der Goldstuck – das kann man sich ja nicht einfallen lassen. Das wirkt auch ein bisschen gegen diese ganze Globalisierung, und das ist auch wichtig, dass man wieder Orte schafft, die es nur einmal auf der Welt gibt, und es dann auch dabei belässt.

_DSC7020

Was passiert alles in den SUPERSENSE-Räumlichkeiten?
Für mich ist wichtig, dass es eine Plattform ist. Wir stellen ein Grundkonzept und eine Grundstimmung zur Verfügung, Arbeitsplätze und Maschinen. Eigentlich ist es eine Einladung an Leute, die hier etwas machen wollen. Der Raphi ist zum Beispiel gelernter Instrumentenbauer und baut und richtet Instrumente her. Gleichzeitig aber, wenn wir die Idee haben, eine alte Schreibmaschine mit einem USB-Anschluss zu versehen, macht er das genauso. Was hier passiert, bestimmen also im Idealfall die Leute, die hier an Projekten arbeiten. Wie bei einem Zirkus im Endeffekt; die Vorstellung wird immer wieder neu definiert. Das Ziel ist es, hier immer unterschiedliche Sachen zu produzieren und zu präsentieren, und die Leute dann zum Nachdenken, aber auch zum Kaufen anzuregen. Es ist ja nicht nur ein Museum, sondern auch ein Shop.

Ihr habt im Gegensatz zu einem klassischen Plattenladen eher wenige Platten. Wie sucht ihr diese aus?
Wir haben schon fast zu viele Platten. Wir haben einen Partner, der arbeitet auch hier, der Gregor (Gregor Samsa, Anm.), der hat ein Label in Hamburg mit ganz speziellen Platteneditionen – er sucht die Platten für uns aus. Wir haben hier etwa 30 Exemplare, die wir regelmäßig im Laden spielen, dann eben die von seinem Label und dann haben wir noch ein paar Sachen vom Wiener Label monkey. Am Record Store Day am 18. April verkaufen wir auch unsere handgeschnittenen Platten. Wir sehen uns nicht als Plattenladen, sondern haben eher ausgesuchte Scheiben, die man sonst nicht kriegt oder die eine besondere Geschichte erzählen.

Was macht den Zauber von Instant Photographie aus?
Es ist einfach die perfekte Mischung aus analoger Fotografie sowie dem Wissen, etwas Haptisches und etwas sehr Chemisch-Analoges gleichzeitig zu haben, sowie auch die Tatsache, dass man nicht lange warten muss, bis sich das Ergebnis präsentiert. Man kann zuschauen, wie sich das Foto entwickelt, und muss sich dennoch nicht die Hände dabei schmutzig machen. Es hat einfach diese Magie, von der ich nicht so genau weiß, woher sie kommt.

Dieser Hang zu Retro gilt ja als ein Hype. Wird der deiner Meinung nach irgendwann abebben?
Ich glaube nicht, dass das ein Hype ist, ich glaube eher, dass es eine Rückbesinnung ist auf Werte, die immer da waren. Da ist eher das Digitale ein Hype, das gibt es viel kürzer als diese ganzen analogen Technologien. Es ist eine gesunde, organisch wachsende Rückbesinnung. Ich mache mir da keine Sorgen. Auch nicht, was den Impossible-Film angeht. Ich glaube, wir sind da erst ganz am Anfang, was das Potenzial betrifft. Aber es ist eben auch etwas, das wachsen muss. Das sind die Leute auch nicht mehr gewohnt; heute muss alles explosionsartig entstehen. Das geht digital leicht, analog nicht.

_DSC7105

Was habt ihr für Pläne für die kommenden Jahre?
Die Schreibmaschine ist ein großes Projekt. Es gibt noch eine Fabrik, die Schreibmaschinen herstellt, die wollen wir überreden, dass sie wieder eine Kleinauflage produziert. Es ist ja ein superschönes analoges Instrument. Wir haben ein großes Projekt mit einer Duftforscherin aus Norwegen, das wir auch heuer noch an den Start bringen wollen. Es wird vielleicht eine Fernsehserie geben, die wir gemeinsam mit Servus TV produzieren. Das ist es, grob gesprochen. Und natürlich wollen wir nach und nach auch weitere Produkte entdecken. Das Ganze steht ja noch ganz am Anfang und wir wollen diese Strukturen hier ganz langsam füllen. Ich wollte SUPERSENSE nicht fertig haben, wenn es eröffnet, sondern einfach den Raum schaffen und ihn nach und nach wachsen lassen, wie eine Wohnung. Ich bin da ganz allergisch drauf, wenn alles schon am ersten Tag perfekt gestylt ausschaut. Das Chaos muss wachsen.

Hättest du dir gedacht, dass dieses Konzept so gut funktioniert?
Ich hätte gedacht, dass es besser funktioniert (lacht). Nein, ich hätte gedacht, dass es einfacher ist. Es gibt so viele Leute, die kommen herein und checken überhaupt nicht, was der Sinn von SUPERSENSE ist. Die Leute sind es nicht mehr gewohnt, irgendwo hineinzugehen und nicht genau zu wissen, was sie kaufen wollen. Da muss man viele Geschichten erzählen, auch schriftlich, damit die Leute, die in Ruhe gelassen werden wollen und sagen, sie schauen nur, auch die Möglichkeit haben, alles zu erfahren und kennenzulernen.

Text und Interview: Nicole Schöndorfer, Fotos: Kurt Prinz



Comments