Monika Haider

Ich will ein barrierefreies Österreich


Gegenüber vom Augarten liegt das equalizent, das Qualifikationszentrum für Gehörlosigkeit, Gebärdensprache, Schwerhörigkeit und Diversity Management. Seit 2004 wird hier Gebärdensprache unterrichtet und sich für ein barrierefreies Österreich eingesetzt. Niemand wird hier ausgeschlossen. Unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Behinderung sind hier alle Menschen willkommen—so, wie es sein sollte. Das equalizent ist ein heller, freundlicher Ort.

Nachdem Monika Haider meine Hand schüttelt, hat sie mir auch gleich einen Tee angeboten, weil meine Hände kalt waren. Man achtet hier konstant auf das menschliche Wohlbefinden. Zur Gründungszeit des equalizent wurde Gebärdensprache noch nicht als offizielle Sprache anerkannt. Das hat sich immerhin schon geändert. Trotzdem ist es wichtig, sich nach wie vor für ein Österreich einzusetzen, das niemanden exkludiert.

Mit dem Diversity Ball wollen Monika Haider und ihr Team zu einem traditionellen Mittel greifen—die Grenzen dabei aber aufbrechen. Der Ball ist einer der buntesten Bälle Österreichs und leider der einzige, der barrierefrei ist.

kom

Warum das noch immer so ist, wie sich der Ball mit den Jahren verändert hat und was man sich für die Zukunft erhofft, haben wir mit Monika Haider besprochen.

Fangen wir bei Null an. Wie kam es zu der Idee, so einen Ball zu veranstalten?
Monika Haider: Wir haben das equalizent vor elf Jahren gegründet. Damals war Gebärdensprache noch nicht anerkannt. Gebärdensprache hieß damals noch „fuchteln“. Es gab ganz wenige Angebote für Gehörlose, bei denen sie eine Weiterbildung machen konnten. Außerdem gab es ein Umfeld das gesagt hat: „Ihr Hörenden wollt da etwas auf dem Rücken der Gehörlosen machen.“ Das Umfeld war also sehr negativ. Deshalb haben wir uns aus diesem negativen Klima entschlossen, uns mit Divsersity Management zu beschäftigen—dem Management von Vielfalt, bei dem ganz klar ist, dass die Gesellschaftliche Minderheit in uns hineinwirkt, bei dem aber auch klar ist, dass wir das handeln können und die Gehörlosen auch mitnehmen können. Wir wollten mit dem Thema „Gehörlose“ arbeiten und wollten sie auch als Mitarbeiter haben. Ihre Diskriminierungserfahrung ist in unser Projekt mitfeiern geflossen, sodass man das aufgreifen kann und qualitätsvoll arbeiten kann. Damals musste man das Diversity-Management noch allen erklären, weil das niemand verstanden hat.

Und heute sagt Diverstity Management schon mehreren Leuten etwas?
Ja, damals musste man es noch buchstabieren und in den letzten Jahren ist das auch bei uns sehr populär geworden und mehreren ein Begriff. Es gibt Diversity Seminare und Ausbildungen. Es ist prakitsch State of the art. Auch für viele Unternehmen—vor allem für Großunternehmen. Für Klein­ und Mittelunternehmen ist es das allerdings noch nicht. Wir machen das aber schon seit elf Jahren. Wir haben uns also mit Diversität beschäftigt und mit dem Themenschwerpunkt Schwerhörige und Gebärdensprache. Im Zuge dieser elf Jahre hat sich sehr viel verändert. Ich glaube auch, dass wir ein Stück dazu beigetragen haben, weil wir gesagt haben, dass wir die Gehörlosigkeit aus diesem gesellschaftlichen Out heraus haben wollen. Uns ging es darum kampflos und auf einfache Art und Weise—aber trotzdem wie man es in Wien gewohnt ist durch einen Ball, einem Alt­Wiener Kulturgut mit Wurzeln und das jeder kennt—darauf aufmerksam zu machen. Aber so, dass man das Thema aufbricht und mit Diversity­Kriterien arbeitet. Feste kommen immer gut an. Und das ist ein wichtiger Punkt, bei dem Leute Berührungsängste verlieren.

Gab es außer dem Diverstity Ball schon Feste in diese Richtung?
Einmal haben wir gemeinsam mit dem Heaven einen Deaf Beat Club gemacht und da waren tausend Leute und eine brodelnde Stimmung. Die Promis, die wir eingeladen haben, haben bei einem Schnupperkurs für Gebärdensprache mitgemacht und Miss Candy hat ihre Mitternachtseinlage in Gebärdensprache gehalten. Es war ein sensationeller Erfolg. Das hat uns angespornt daran anzuknüpfen, weil man das Thema so aus dem gesellschaftlichen Out herausholen kann. Für viele ist Diversität heute ein Begriff. Aber noch immer fragen Leute warum wir das machen. Ihr Argument ist, dass es eh so viele Bälle gibt. Meine Antwort ist dann immer, dass es sich in den letzten acht Jahren gezeigt hat, dass es wichtig ist unterschiedliche Communities zu vereinen. Es gibt zwar viele Bälle, aber eben für jede Community extra und es sind nie alle angesprochen. Es ist immer etwas ausschließendes dabei. Entweder weil die Leute kein Geld haben dorthin zu gehen oder weil sie keinen Partner haben oder weil sie eben nicht schwul sind oder weil ihnen der Kaffeesiebe zu elitär ist und—ganz oft—weil sie nicht barrierefrei sind. Unser Ball ist der einzige der barrierefrei ist.

Was glauben Sie warum es nur ein einziges Großevent gibt, dass barrierefrei ist?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Einen die Veranstaltungsgesetze. Das möchte man gar nicht glauben. Wir wollten ganz gerne auch einmal den Ort des Balles wechseln, aber das ging nicht. Vom Veranstaltungsgesetz ist es so, dass nur sechs Menschen im Rollstuhl eine Veranstaltung besuchen dürfen. Ob das im Burgtheater oder in der Oper ist, ist dabei egal. Um mehr Leute im Rollstuhl zuzulassen braucht es ganz viel Aufsichtspersonen. Diese neuen Veranstaltungsgesetze sind eigentlich zum Schutz der Gehörlosen und der Menschen im Rollstuhl und zum Schutz überhaupt aller da, aber eigentlich sind sie ein Handicap dafür, dass man so ein Fest machen kann.

Was bedeutet das für euch?
Wir können den Ball nur im Kursalon machen, weil er eine alte Veranstaltungsgenehmigung hat. An dieser wurde zum Glück schon lange nichts mehr geändert. Deshalb ist es unbeschränkt und deshalb können dort Menschen im Rollstuhl unbeschränkt hinein. Wir wollten es zum Beispiel in Niederösterreich machen und dort ging es nicht, weil sie neu umgebaut haben. Das Palais ist zwar viel barrierefreier als der Kursalon. Im Kursalon gibt es nur einen einzigen Lift nach oben und ein Behinderten­WC unten. Das heißt die dreißig, vierzig Leute die im Rollstuhl kommen müssen immer rauf und runter. Aber es funktioniert. Das Andere ist, dass ich glaube, dass es sich noch nicht herumgesprochen hat, dass bis 2016 eigentlich alle öffentlichen Gebäude barrierefrei sein sollten. Ich glaube wenn es dann so weit ist, werden viele aufwachen. Es ist jetzt ein Jahr davor. Viele Räume lassen Menschen im Rollstuhl gar nicht zu.

Diversity3

Das wusste ich nicht. Das heißt Menschen, die unter sich sein wollen müssen nach Wien fahren um das bei einem Ball tun zu können. Was hat sich in den letzten acht Jahren retrospektiv getan?
Was sich auf jeden Fall verändert hat ist die BesucherInnenanzahl. Die hat sich nämlich gesteigert. Jeder Ball hatte etwas ganz spezielles. Der erste Ball hatte eine wahnsinnig flirty Stimmung. Normalerweise ist es so, dass man entweder zu zweit oder in einer Gruppe auf einen Ball geht, aber man lernt kaum jemanden kennen. Es ist etwas sehr geschlossenen. Wenn man alleine da ist, kommt man kaum zu Kontakt. Bei unserem Ball geht es um das Miteinander. Für viele ist das ein Aha­Erlebnis. Die Leute, die das ein Mal erlebt haben, wollen das auch ein zweites und ein drittes Mal erleben. Was sich immer wieder ändert ist das Programm und die Schwerpunkte. Das erste Thema war Diversity und in die Richtung „ob Lack oder Leder, kommen kann jeder“. Jetzt setzen wir Schwerpunkte, weil offene Themen immer ein bisschen schwierig sind. Die Menschen sind es gewohnt, eine Style­Bibel zu bekommen und eine Ausrichtung zu haben. Die anfängliche Offenheit hat sie ziemlich überfordert. Und das haben wir dann auch Stück für Stück lernen müssen. Dann haben wir angefangen Mottos zu setzen.

Was ist das Motto des diesjährigen Balles?
Dieses Jahr ist es „Gender“. Da kann man sich spielen und das Motto spiegelt sich auch im Programm wieder. Alle sexuelle Lebensformen sind auch im Programm vertreten, aber wir unterscheiden uns dennoch von einem Regenbogenball oder Life Ball, weil es um das Miteinander geht. Am Eingang gibt es bespielsweise ein Band mit einer Nummer die es ein zweites Mal gibt. Es ist also gewünscht, dass jemand den anderen fragt, ob er die zweite Nummer hat. Am Ball selbst gibt es auch Communication­Angels. Es sind ja viele gehörlose Menschen am Ball und damit es nicht zu Kommunikationsproblemen zwischen diesen und hörenden Menschen entsteht, haben wir diese Angels. Also es ist vorgesorgt, dass sich alle wohl fühlen.
Das heißt, dass Konzept ist ein anderes als bei anderen Bällen—es geht aktiv um das Miteinander. Genau. Bei anderen Bällen gibt es ein Programm und Leute lernt man eher zufällig kennen. Aber beim Diversity Ball wird das richtig gefördert. Und dadurch, dass wir mit 100 Communitys zusammenarbeiten, sind diese auch am Ball vertreten. Ich finde dort Drag Queens, homosexuelle Menschen, Leute aus Politik und Wirtschaft, Promis aus Kunst und Kultur, Leute wie du und ich—also jeder ist dort vertreten. Wahrscheinlich gibt es nirgends einen Ball, bei dem so viele Menschen im Rollstuhl sind und auch viele Gehörlose—aber nicht ausschließlich. Wir achten auf einen guten Mix, sodass die Vielfalt unserer Menschheit auch abgebildet ist. Das macht das Besondere aus. Das wird jedes Jahr spürbarer und größer.

Worauf wird im Vorfeld geachtet? Was ist bei der Organisation wichtig?
Das hat sich auch immer wieder geändert. Nach jedem Ball wird sofort Feedback eingeholt. Wir hatten auch eine eigene Veranstaltung, für alle die am Ball mitgeholfen haben und für die Sponsoren. Dieses Feedback haben wir dann mitgenommen und beim nächsten Ball berücksichtigt. Der Fokus liegt auch auf dem Programm.

Der Reinerlös des Balles fließt in soziale Projekte, oder?
Genau. Wir sind hier ein Schulungsinstitut für Gehörlose und es gibt sehr wenig Maßnahmen für gehörlose Migranten. Der Erlös fließt in solche Projekte. Viel wissen nicht, dass Gehörlose aus den Migrationsvereinbarungen ausgenommen sind. Einerseits ist das gut, weil sie nach fünf Jahren keine Prüfung machen müssen. Auf der anderen Seite werden deshalb keine Kurse bezahlt. Uns ist es ein Anliegen, Kurse für gehörlose Migranten zu machen, damit sie sich in diesem Land festigen können.

Wie viele Menschen sind das ungefähr?
Wir haben festgestellt, dass 60 Prozent unserer Kursteilnehmer migrantischen Hintergrund haben.

Was sind die Highlights des heurigen Ball?
Einerseits schon die Eröffnung. Die wird ganz speziell—mit einem schwulen Tanzpaar, Opernsängern und einem Hofballett. Das wird eine schöne Kombination werden. Wir beginnen schon immer um halb acht. Auch wenn die Eröffnung erst um neun ist, können sich die Leute, die früher kommen schon zu Musik einstimmen. Um zehn Uhr geht es in der Disko weiter, da wird Tamara Mascara sein, die beste Freundin von Conchita Wurst, von der wir auch rechnen, dass sie kommt. Um ein Uhr kommt Disco­Caine kommen, das wird auch ein buntes Spektakel. Um zwei geht es mit Tom Snow weiter. Um halb zwölf gibt es eine Modeschau von supermarket und die Models werden auch die Vielfalt unserer Gesellschaft wiederspiegeln. Anstelle der Mitternachts- Quadrille wird es eine Gebärdensprache­Quadrille geben.
Im Zuge meiner Vorbereitung auf das Gespräch mit Ihnen bin ich oft auf den Ausdruck „gesellschaftliche Tabus“ gestoßen.

Warum spricht man noch immer von menschlichen Tabus wenn es eigentlich um Menschen geht, die besonders sind?
Ich glaube, die größten Tabus liegen eigentlich in einem selbst. Indem wir sagen, wir sind so frei und haben keine Vorurteile, ist man schon in einer Falle. Diese Vielfalt sind wir gar nicht gewohnt. Wir sind so aufgewachsen, dass wir alles in Kästchen geben und bestimmte Kästchen, die uns nicht gefallen oder die uns schwer fallen, tabuisieren wir. Eigentlich hilft so ein Abend, seine Tabus mal herzuholen und zu reflektieren. Diese Tabus hat ja jeder in sich und es geht darum, diese Grenzen aufzubrechen. Nachdem die Welt so komplex ist, tun sich auch Journalisten, Autoren und Musiker leichter, indem sie auch solche Kästchen aufbauen. Aber ich glaube, dass ist auch wichtig um sich zurechtzufinden und ist nichts rein Negatives. Wichtig ist eben, dass man sie immer wieder aufbricht und hinterfragt. Wir können nicht die ganze Welt retten, sondern immer nur einen Teil dafür machen. Diese Vielfalt zu akzeptieren ist ein gesellschaftlicher Prozess, der bei jedem Einzelnen beginnt.

Diversity5

Glauben Sie, dass die sogenannten Randgruppen irgendwann zu hundert Prozent integriert sein wird?
Ich habe in den letzten elf Jahren einen Wandel erlebt. Auch beim Thema Diversität. Ich glaube auch mit dem Sieg von Conchita Wurst haben wir einen Toleranzschritt gemacht. Es gibt Möglichkeiten. Wenn man diese Botschaften gezielt setzt, dann bewegen wir uns. Ich weiß wie viele Menschen Gebärdesprache lernen und vor elf Jahren war das nicht einmal eine Sprache. Wenn ich mir anschaue, welchen Wandel es hier gibt, dann bin ich hoffnungsvoll. In Wien hat sich sehr viel verändert.

Was ist das Schönste an ihrem Beruf?
Das Schönste im Beruf ist zu sehen, dass wir in den letzten elf Jahren viel auf den Kopf gestellt haben. Das ist natürlich toll und wenn es einen Ball gibt, der für Diversität steht. Es ist schön zu merken, dass man mit seiner Arbeit etwas bewirkt. Von den Leuten, die hier als Trainer beschäftigt sind, sind viele selbst gehörlos. Das sind Experten und Role Models. Wir haben zum Beispiel in der Geschäftsführung einen taub­blinden Prokuristen. Normalerweise kommen solche Menschen in eine Werkstätte, was eine Vergeudung der Ressourcen ist. Wir wollen das auch authentisch umsetzten. Damit die Leute sehen, dass das funktioniert und das wir damit unglaublich viel bewegen und dass das eine Arbeit ist, die unglaublich stimmig und sinnvoll ist. Wenn man eine sinnstiftende Arbeit hat, ist das die größte Freude.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich will ein barrierefreies Österreich. Das würde ich gut finden. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Es sollte nicht so sein, dass hier Leute ausgeschlossen werden.Wir sollten es hinbekommen, ein inklusives Österreich zu schaffen. Das würde ich mir eigentlich wünschen. Das beginnt mit dem Schulsystem, das noch immer Menschen mit Behinderung aus der neunten Schulstufe rausschmeißt. Das Pflichschuljahr, das wichtig für den Abschluss ist, müssen sie in der Sonderschule absolvieren. Es gibt noch viel zu wenig Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Behinderung. Diese kommen immer in den zweiten Arbeitsmarkt—immerhin—aber das heißt, dass sie danach arbeitslos sind. Es gibt immer noch Orte, an die Menschen im Rollstuhl nicht hinkönnen, es gibt aber auch noch immer viele Barrieren für Frauen. Wenn ich mir das ansehe, dann wünsche ich mir tatsächlich ein barrierefreies Österreich.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Isabella Khom, Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Monika Haider



Comments