Anna Eder

Ich will Flüchtlingen Mobilität geben


Bei strömenden Regen stehen acht Leute vor der Flickerei, einer Radwerkstatt in der Marxergasse. Die RadpatInnen sind heute zwei junge Frauen und zwei Männer. Untereinander werden sie nicht richtig warm, aber darum geht es zum Glück auch nicht. Mit ihnen stehen auch vier junge Flüchtlinge vor der Flickerei. Zwei Jungs sind mit einer Betreuerin da. Sie sehen sehr jung aus, sicher nicht älter als 15 Jahre. Der eine spricht weder Deutsch noch Englisch. Sein Freund kann sich schon verständigen und übersetzt für ihn. Jetzt wird in Pärchen aufgeteilt. Jeder Flüchtling bekommt eine Patin oder einen Paten und ein Fahrrad zugewiesen. Anna Eder ist die Initiatorin des Projektes. Der Name ist passenderweise IntegRADsion. Also Integration mit Hilfe von Fahrrädern.

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Anna begründet das mit Mobilität: „Wie sollen die Flüchtlinge eine Stadt kennenlernen, wenn sie sich nicht einmal frei bewegen können?“ Die PatInnen und die Jugendlichen sind schüchtern. Anna lockert die Stimmung auf, indem sie laut lacht und mit allen plaudert, als gäbe es keine Sprachbarriere. Der kleine Junge, der weder Deutsch noch Englisch spricht und bisher traurig bis teilnahmslos geschaut hat, setzt sich auf das inzwischen reparierte Fahrrad, tritt in die Pedale und lächelt zum ersten Mal – dafür umso breiter.

Die anderen Fahrräder brauchen noch Zuwendung. Die Paare pumpen Reifen auf, reparieren Klingeln und ziehen Schrauben fest. Auf den ersten Blick unterscheidet sie nichts von Gleichaltrigen, die keine Fluchtgeschichte haben. Sie tragen Sportschuhe und haben reichlich Gel in den Haaren. Am Ende tauscht ein Jugendlicher Nummern mit seinem Radpaten aus. Anna gestaltet die Situation so zwanglos wie möglich. Niemand muss Kontaktdaten austauschen oder sich jemals wiedersehen. Nur wenn die Chemie passt, sollen sie sich weitere Treffen ausmachen. Das ist sehr wichtig für die Jugendlichen, die sich sowieso hunderten Regeln unterwerfen müssen. „Die brauchen nicht noch mehr Zwänge“, sagt Anna.

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Wir haben Anna zum Interview getroffen und mit ihr über ihr Projekt, ihre Ziele und die Stolpersteine gesprochen.

Wie-Wir-Wollen.at: Wer darf bei dem Projekt mitmachen?
Anna Eder: Alle, die als Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind. Ganz egal, ob sie Asyl, subsidiären Schutz oder einen unklaren Status haben. Das Alter ist grundsätzlich auch egal, mein Hauptaugenmerk liegt aber auf Jugendliche.

Bis jetzt waren nur männliche Flüchtlinge dabei. Warum ist das so?
Jungs kommen öfter als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, während Mädchen eher mit ihrer Familie nach Österreich kommen. Ich will trotzdem schauen, dass wir Mädchen und junge Frauen finden, die mitmachen möchten.

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Was beschäftigt die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge deiner Meinung nach am meisten?
Ich glaube, es ist vor allem das Trauma, mit dem sie sich herumplagen. Für viele ist auch Bildung ein sehr zentrales Thema. Bei den Jugendlichen, die ich in Deutsch unterrichte, merke ich, dass sie diesen Ernst, den man bekommt, nachdem man unglaubliches durchlebt hat, nicht immer mit sich rumtragen. Das gibt mir Hoffnung, dass es ihnen irgendwann gut gehen wird. Es ist wichtig, sie nicht auf ihre Flucht zu reduzieren. Manche haben auch keine Lust mehr, darüber zu reden und wollen einfach Fußball spielen und Spaß haben.

Wie lernst du Deutsch mit Jugendlichen, wenn du ihre Muttersprache nicht sprichst?
Eigentlich kann das gar nicht funktionieren. Meine Schüler sind alle aus Syrien. Die sind alle nicht alphabetisiert und können in ihrer Muttersprache nicht schreiben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es ist, wenn du deine Gedanken nicht aufschreiben kannst. Die meisten Deutschkurse sind nicht gut, weil es viel zu viele Leute sind und alle voll überfordert sind.

Von der Idee bis zu Umsetzung: Wie hast du das gemacht?
IntegRADsion ist momentan ein Projekt im Rahmen des STARTAlumni Vereins. Bei denen mache ich auch diese Lernhilfe. Ich möchte aber in nächster Zeit selbst einen Verein gründen. Wegen finanziellen Mitteln habe zuerst bei der Stadt Wien angesucht. Die fördern aber solche Projekte nicht. Bei einer Privatstiftung habe ich auch angesucht, aber die haben nicht einmal geantwortet. Eine Freundin von meiner Mama hat mir geholfen mein Anliegen richtig zu formulieren. Dann hat sie das an alle ihre Leute geschickt. Auf einmal hat mich FM4 angerufen. Da gab’s aber eigentlich noch gar nichts vom Projekt. Meine Mama hat gesagt: Fake it until you make it. Am Tag nach dem Interview hatte ich aber eh schon einen Termin im Diakonie Haus in Mödling. Das waren dort acht Kinder, mit denen wir einen Rad-Workshop gemacht haben. Dann ist das Projekt ins Rollen gekommen.

Welcher Moment wird dir immer in Erinnerung bleiben?
Das war, als wir diesen Reparaturworkshop gehabt haben. Es gab acht Fahrräder, wobei eins davon eine private Spende und am wenigsten begehrt war. Eigentlich wollte ich dann losen, wer welches bekommt, aber ein paar haben sich schon den Helm aufgesetzt, haben die attraktiveren Fahrräder bestiegen und wollten nicht mehr runtergehen. Einer hat dann schlussendlich nachgegeben.

Wie sieht die Zukunft von Integradsion aus?
Im August ist erst einmal Sommerpause, weil ich einen Arabischkurs in Palästina mache. Wir haben aber genug Anmeldungen, sodass wir im September wieder durchstarten können. Sonst brauche ich in der Zukunft dringend ein Team, das mich bei der Organisation unterstützt. Paten und Patinnen melden sich viele an, was auch schön ist. Ich brauche aber regelmäßige Unterstützung. Leute, die sich dem Projekt wirklich verpflichten.

Text und Interview: Lisa Wölfl, Fotos: Bengt Stiller



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