Arsh Shah Dilbagi

Ich will gelähmten Menschen eine Stimme geben


Nicht nur Fernsehserien wie „The Knick“ führen uns vor Augen, wie viel sich im letzten Jahrhundert in der Medizin getan hat. Es gibt so viele medizinische Innovationen, die nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die Lebensqualität kranker Menschen steigern, und doch gibt es selbst im hoch technisierten 21. Jahrhundert immer noch Probleme, deren Lösung noch nicht gefunden wurde. Bis vor Kurzem waren davon etwa Menschen betroffen, die beispielsweise unter ALS, dem Locked-In Syndrom oder Entwicklungsstörungen leiden, die das Sprechen schwer oder unmöglich machen. Es gibt zwar schon länger Geräte, die diesen Menschen bei der Kommunikation helfen können, jedoch ist deren Preis für die Betroffenen oft unleistbar. Genau das soll sich nun allerdings ändern.

talk_4

Ein erst 16-jähriger Inder mit dem Namen Arsh Shah Dilbagi will stummen Menschen eine Stimme geben. Er ist Erfinder, Fotograf, Designer, Blogger und Robotist − deshalb stellt er sich selbst oft als „Robo“ vor. Arsh erzählt, dass alles in einem Wartezimmer begann. Dort saß ein weinender Mann, dem es nicht möglich war, mit jemanden zu kommunizieren. „Ich habe mich dann gefragt, warum die Technologie diese Probleme nicht für uns lösen kann.“ Diese Frage war der Anstoß für die Entwicklung von TALK. Das Gerät konvertiert Atem zu Worten und gibt Stummen so eine Chance, mit ihren Mitmenschen zu interagieren − und das in Form von normaler Sprache. Etwa 1,4 Prozent der Weltbevölkerung leiden an einer Krankheit, die ihnen das Sprechen unmöglich macht; 1,4 Prozent der Weltbevölkerung haben durch TALK nun die Chance auf eine neue Zukunft.

Aber wie funktioniert TALK eigentlich? Das Gerät zeichnet Atemgeräusche auf und interpretiert beziehungsweise konvertiert diese in synthetisch gesprochenen Text. Alles, was der Benützer tun muss, ist in Morsecode zu atmen, der sich in Länge oder Intensität unterscheidet. TALK wandelt Atemstöße mittels eines druckempfindlichen Mikrofons in elektrische Signale um − eine Membran wird dabei auf einen Silizium-Mikrochip geätzt. Ein Mikroprozessor wandelt den Atem dann in Punkte und Striche um und verwandelt ihn so in Worte, die wiederum an einen zweiten Mikroprozessor geschickt werden, der sie über einen Lautsprecher ausgibt. Die Sprache kann entweder ins Englische oder in Befehle und Phrasen übersetzt werden. Mit neun verschiedenen männlichen und weiblichen Stimmen unterschiedlichen Alters ist es für die Benutzer von TALK zudem möglich, die ausgegebene Sprache ihrer Person anzupassen.

talk_2

Laut Arsh unterscheidet sich TALK von anderen AAC-Geräten dadurch, dass es auch schneller ist als andere Geräte und eine längere Akku-Laufzeit hat: Nach einmaligem Aufladen hält die Batterie mindestens zwei Tage lang. Zudem ist TALK leichter als andere Geräte und wiegt gerade mal so viel wie ein durchschnittliches Smartphone. Für Arsh hat sich TALK von einem persönlichen Projekt zu einer sozialen Verantwortung verändert. Und genauso faszinierend wie die Technik selbst, ist TALKs Preis: Der Prototyp ist mit umgerechnet 62 Euro um ein Vielfaches kostengünstiger als bisher entwickelte Geräte zur Kommunikationsunterstützung.

Text: Isabella Khom, Fotos: YouTube



Comments