Sofia Khomenko

Ich will junge Journalistinnen und Journalisten ausbilden


Österreich ist klein, seine Medienlandschaft ist es dementsprechend auch. Kritischer Qualitätsjournalismus hat neben marktdominierenden Boulevard-Zeitungen und -magazinen eher weniger Platz. Es gibt ihn natürlich; abseits der renommierten Medienhäuser und etablierten Verlage ist er jedoch oft trotz gutem Willen, großem Know-how und scharfem Verstand schwer umzusetzen. Der Grund? Es fehlt das Geld dazu.

Das junge Online-Medium mokant.at versucht es dennoch und hat zumindest theoretisch und intellektuell Erfolg damit. 25.000 Klicks kann die Seite pro Monat verzeichnen. Das sind etwa 830 Klicks pro Tag. Das kann sich für ein kleines, unabhängiges Magazin durchaus sehen lassen. Auch das Feedback zu den einzelnen Geschichten, die von Interviews mit ehemaligen Neonazis bis hin zur Reportage über eine Eierproduktionsfabrik reichen, ist durchwegs positiv. Tiefgreifende Recherche, individuelle Zugänge und hervorragendes journalistisches Handwerk schreiben sich die Redakteurinnen und Redakteure von mokant.at auf die Fahnen. „Seriosität mit Biss“ lautet ihr passendes Motto.

Sofia Khomenko ist seit einigen Jahren Chefredakteurin des im März 2010 geborenen Magazins. Sie hat Publizistik, Politikwissenschaft und Geschichte studiert, diverse Praktika bei großen Medienunternehmen absolviert und lange als freie Journalistin für ebensolche gearbeitet. In mokant.at steckt ihr Herzblut, das merkt man schnell; dass der journalistische Markt ein besonders harter ist, jedoch auch. Kaum einer der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann vom Schreiben alleine leben, ein zusätzlicher „Brotjob“ ist ein Muss. Bezahlen müssen die Leserinnen und Leser für die Artikel auf mokant.at nämlich (noch) nicht. Da es aber ein nachvollziehbarer Wunsch ist, mit der Arbeit, die man gerne macht, auch irgendwann Geld zu verdienen, wird innerhalb der Redaktion bereits seit Längerem über ein Bezahlmodell nachgedacht.

Trotz des etwas steinigen Weges, ist ein etwaiges Ende von mokant.at nicht in Sicht. Unter Sofias Schaffen ist beispielsweise vor zwei Jahren die beliebte Mokant-Akademie entstanden, die es jungen Interessierten – ein Studium oder Job in der Medienbranche ist für die Teilnahme keine Voraussetzung – ermöglicht, zu lernen, wie Qualitätsjournalismus in Theorie und Praxis funktioniert. Beziehungsweise funktionieren sollte. Nach Wien sind im nächsten Jahr auch Workshops in Graz und München in Planung. An Ideen mangelt es Sofia nicht.

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Wie-Wir-Wollen.at: Wie ist es zu mokant.at gekommen?
Sofia Khomenko:
Ich habe ja mokant.at nicht gegründet. Das Vorgängermagazin von Mokant war CHiLLi.cc. Das hat es zehn Jahre gegeben und damit hatte ich eigentlich gar nichts zu tun. Ich bin nur am Schluss, als CHiLLi.cc schon dabei war, sich aufzulösen, als Redakteurin dazugekommen. Dann ist Mokant entstanden. Gegründet haben das damals Michaela Wein und Julia Staller. Irgendwann wurde ich zur Ressortleiterin und dann zur Chefredakteurin gewählt und seitdem habe ich das Ganze entwickelt und aufgebaut.

Was ist seither passiert?
Relativ viel. Zum einen sind wir ein mittlerweile doch nicht mehr so kleines Team, das gut arbeitet und seine Sachen auch wirklich regelmäßig bringt. Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass die Artikel jede Woche kommen und dass die Qualität immer weiter gesteigert wird. Es musste also die Redaktion an sich aufgebaut werden, um die Basis für ein dauerhaft funktionierendes Magazin zu schaffen. Das war Teil eins. Es sind aber noch ein paar Dinge dazugekommen, wie die Mokant-Akademie für Nachwuchsjournalismus, die ich gegründet habe, um jungen Leuten die Möglichkeit einer praxisnahen und leistbaren Ausbildung zu geben.

Verdient ihr dabei etwas?
Nicht wirklich. Ein bisschen Geld kommt schon herein, vor allem durch die Akademie jetzt. Die Basisausbildung kostet 95 Euro. Wir haben dafür auch eine kleine Förderung bekommen. Das ist die eine Sache. Wir bringen minimal bezahlte Werbung auf der Seite, aber das ist so wenig, dass es vernachlässigbar ist. Was wir aber haben, sind fördernde Mitglieder, weil Mokant einem Verein gehört. Das ist der Verein CHiLLi, der heißt noch wie das Vorgängermagazin. Die fördernden Mitglieder sind Privatpersonen, die das, was wir machen, gut finden. Das sind Bekannte und Freunde, Journalisten und auch Leute, die wir überhaupt nicht kennen. Die Mitglieder bezahlen 25 Euro pro Jahr und bekommen zum Beispiel einen Stoffbeutel, Zugang zu unserem Inside-Bereich oder Einladungen zu Versammlungen. Dadurch kommt also Geld herein, aber natürlich zu wenig, als dass irgendwer davon leben könnte. Auch ich kann nicht ansatzweise davon leben.

Ihr habt ja auch einmal versucht, mittels Crowdfunding ein Print-Produkt zu machen.
Genau, das hat aber nicht funktioniert.

Woran liegt das?
Das kann unterschiedliche Gründe haben. Einerseits liegt es wohl daran, dass das, was wir machen wollten, einfach nicht gebraucht wird.

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Im Sinne von kritischem Journalismus?
Ja, so traurig das ist. Es kann sein, dass die Nachfrage in der österreichischen Gesellschaft einfach nicht da ist. Vielleicht muss man auch einfach einsehen, dass die Leute so etwas nicht interessiert beziehungsweise sie es nicht so derartig brauchen, dass sie bereit wären, dafür Geld auszugeben, weil sie meinen, eh online alles gratis zu bekommen. Das kann sein. Es kann aber auch sein, dass nicht ganz verstanden wurde, warum man jetzt in ein Print-Magazin investieren sollte, wenn es doch besser wäre, das Ganze online zu verbessern und auszubauen.
Ich glaube, die Leute haben sich in den letzten Jahren einfach an diese Gratiskultur gewöhnt. Wir gehören da natürlich auch dazu. Damit man wirklich für ein Produkt bezahlt, muss es so exklusiv sein, dass man es nirgendwo sonst gratis bekommt. Das ist wahrscheinlich zu wenig transportiert worden. Wir hatten am Anfang den Eindruck, dass es grundsätzlich möglich wäre, da wir positives Feedback von Lesern, Unterstützern und Fans bekommen haben, aber im Endeffekt ist es uns wohl nicht gelungen, diese genügend zu mobilisieren.

Eine ausschweifende Kampagne wäre dafür natürlich auch nicht möglich gewesen.
Nein. Wir haben eben kein Kapital und kein Budget, um solche Kampagnen zu starten. Da kann einfach nur jeder für sich machen, wozu er halt imstande ist.

Habt ihr stattdessen eine andere Bezahllösung geplant?
Das mit den fördernden Mitgliedern werden wir auf jeden Fall ausbauen. Wir haben auch über andere Bezahlmodelle nachgedacht, aber wir wollen nicht plötzlich die ganze Seite sperren. Also dachten wir daran, dass man erst ab einer gewissen Anzahl von Artikeln zahlen muss oder dass man das nur bei bestimmten Artikeln muss. Ideen sind da, aber wir haben eben noch nicht begonnen, sie umzusetzen.

Euer Claim ist ja „Seriosität mit Biss“. Wie werden bei euch Themen aufgegriffen, angepackt und umgesetzt?
Mir ist damals aufgefallen, dass es in der österreichischen Medienlandschaft zwei Lager gibt. Es gibt die seriösen Medien, die machen Qualitätsjournalismus, sind aber leider oft sehr langweilig. Auf der anderen Seite stehen die populistischen Geschichten, die vielleicht lustiger sind, aber nicht daran interessiert scheinen, seriös zu arbeiten. Wir wollten diese beiden Dinge verbinden. Einerseits recherchieren wir ordentlich und versuchen, eine Ausgewogenheit in Sachen Themen herzustellen, andererseits versuchen wir auch, lustig zu sein und bringen eigenwillige Themen wie etwa Selbstversuche. Eine Redakteurin hat zum Beispiel sechs Wochen vegan gelebt und über diese Erfahrung geschrieben. Was wir auch bringen, sind seriöse Themen mit einem interessanten Zugang. Wir hatten etwa eine Reportage über die Legalisierung von Cannabis, für die eine Redakteurin einen Patienten zu einem Arzt begleitet hat, der Cannabis verschreibt. Das hat sie eher witzig geschrieben, aber alle Fakten waren genau recherchiert. Das kann man sich wohl unter „Seriosität mit Biss“ vorstellen.

Erkläre uns doch einmal, was die Mokant-Akademie genau ist.
Die Akademie findet jetzt zum dritten Mal statt. Das Programm umfasst einen Kurs mit sechs Workshops und einigen Gastvorträgen, in denen Journalistinnen und Journalisten wie Christian Ultsch von der Presse oder Tina Goebel vom Profil aus ihrem beruflichen Alltag erzählen. Meine Aufgabe ist es, in den Workshops die Basics des journalistischen Arbeitens zu vermitteln. Gleichzeitig haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Artikel geschrieben und dazu ausführliches Feedback bekommen.

Wurden die bei euch veröffentlicht?
Teilweise, ja. Die besten Artikel wurden veröffentlicht.

Wie viele Teilnehmer gibt es?
Im ersten Jahr waren es 30 und im zweiten waren es 25. Man muss sich für die Akademie bewerben – mit einem Probeartikel, Motivationsschreiben und Lebenslauf. Dieses Mal haben wir zusätzlich zur Basis-Ausbildung auch Schnupperkurse und Intensiv-Trainings im Angebot. Das macht mir wirklich großen Spaß.

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Bekommt ihr viel Feedback zu euren Artikeln?
Das ist unterschiedlich. Es gibt Artikel, die werden kaum gelesen, und dann gibt es welche, die werden viel diskutiert. Wir haben zum Beispiel einmal ein Interview mit Robert Marschall vom Wahlbündnis EU-STOP geführt. Plötzlich hat er uns gesagt, er autorisiert das Interview nicht und verbietet uns die Veröffentlichung. Ich habe ihn dann noch gebeten, uns doch bitte zu sagen, was denn jetzt das konkrete Problem sei. Das hat er aber nicht gemacht, sondern stattdessen gesagt, wir würden von seinem Anwalt hören. Was macht man da? Ich habe dann beschlossen, wir machen es zum Thema, und habe in sämtlichen Journalismus-Foren nachgefragt. Wir haben das Interview dann schlussendlich gebracht. Aber nur die Fragen, die Antworten haben wir geschwärzt. Dadurch, dass aber die Fragen teilweise so Nachhak-Fragen waren, konnte man auf die Antworten schließen. Da haben wir sehr viel Feedback von allen möglichen Seiten bekommen. Die Diskussion dazu führte dann sehr weit.

Wie kann man sich den Ablauf in der mokant.at-Redaktion vorstellen?
Die Redakteurinnen und Redakteure schlagen Artikel vor oder die Ideen entstehen bei der wöchentlichen Konferenz. Da diskutieren wir über ein Thema und dann sagt jeder, was er gerne machen möchte. In der Regel werden die Themen auch angenommen, außer sie sind wirklich sehr langweilig. Wenn die Artikel dann fertig sind, kommen sie zur Ressortleitung und werden redigiert. Dann kommt der Artikel ins System und der Chef vom Dienst gibt ihn frei. Ich schaue mir auch alle Artikel an, greife in der Regel aber nur dann ein, wenn es wirklich ein Problem gibt.

Du hast es ja vorhin schon angeschnitten: Wie würdest du die österreichische Medienlandschaft beschreiben?
Sie ist klein und nicht sehr vielfältig. Als junges Medium hat man es sehr schwer. Die Presseförderung ist ja generell ein Witz. Gerade die Großen und Erfolgreichen bekommen Förderungen, obwohl sie diese eh nicht unbedingt brauchen, aber für guten, jungen Journalismus gibt es keine. Dafür interessiert sich anscheinend niemand. Wir haben auch einmal versucht, eine Förderung für Start-ups zu bekommen, aber das ging nicht, weil wir ein Verein sind und kein Geschäftsmodell haben. Es gibt viele Leute, die gute Ideen haben und etwas ausprobieren wollen, aber sie schaffen es dann einfach nicht, weil sie an der Realität zerbrechen. Ohne einen Partner, der da wahnsinnig viel Kapital hineinschmeißt, geht es kaum.

Danke für das nette Gespräch!

Text und Interview: Nicole Schöndorfer, Fotos: Kurt Prinz



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