Gernot Grömer

Ich will Menschen für Weltraumforschung begeistern


Gernot Grömer hat einen Job, von dem viele nur träumen: Er beschäftigt sich tagtäglich mit den unendlichen Weiten des Weltraums und erforscht, wie wir diese als Menschheit irgendwann erobern können.

Als Obmann des Österreichischen Weltraum Forums (kurz ÖWF) ist er Gesicht und Sprachrohr eines innovativen Netzwerks für Raumfahrtspezialisten und Weltrauminteressierte, das eng mit nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen, Industrie und Politik zusammenarbeitet. Daneben lehrt und forscht Grömer an der International Space University und der Universität Innsbruck. Im Gespräch wird sofort klar, dass er diese Tätigkeit nicht nur als Job, sondern als Berufung sieht und mit Hingabe und Leidenschaft darüber spricht.

Im Interview erzählt er über seinen Werdegang, seine Forschungsprojekte und auch darüber, wann und wie der Mars eines Tages von Menschen erforscht werden wird.

Wie-Wir-Wollen.at: Viele träumen als Kind davon, Astronaut oder Weltraumforscher zu werden. War das bei Ihnen auch so?
Gernot Grömer:
Ja, definitiv. Das fing bei mir schon in der Pubertät an: Als Jugendlicher bekam ich einen kleinen Feldstecher geschenkt und wurde damit mit dem „astronomischen Virus“ infiziert. Von diesem Punkt an war meine Karriere quasi vorgezeichnet.

Wie wird man eigentlich Weltraumforscher? Was haben Sie studiert?
Ich bin Astrophysiker und habe außerdem ein Dokorat im Bereich Astrobiologie gemacht. Letzteres ist eine interessante Disziplin, bei der untersucht wird, unter welchen Bedingungen Leben gerade noch existieren kann und wo das Ganze im Kosmos möglich ist. Und dort suchen wir dann nach Spuren des Lebens.

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Sie sind der Obmann des Österreichischen Weltraum Forums. Seit wann gibt es den ÖWF?
Den ÖWF gibt es inzwischen schon seit über 15 Jahren. Wir sind eine europaweit einzigartige Einrichtung, die einerseits forscht, aber gleichzeitig auch stark nach Außen auftritt. Wir gehen zum Beispiel in Kindergärten, machen „Street-Science“ und bezeichnen uns deshalb auch als „Citizen-Science“-Einrichtung, die auf sehr hohem Niveau Grundlagenforschung betreibt.

An welchen Projekten forschen Sie und Ihr Team?
Unser Fokus liegt auf der Marsforschung, auf bemannter Raumfahrt und auf Raumanzugsentwicklung. Wir sind eines von vier Teams weltweit, das sich mit der Entwicklung von Raumanzugssimulatoren für den Mars beschäftigt. Gleichzeitig machen wir auch andere Projekte: wir fliegen zum Beispiel mit Stratosphären-Ballons und wir arbeiten gerade am dritten Österreichischen Satelliten, dem Pegasus-Projekt. Das heißt wir löten, wir fliegen, wir testen, wir simulieren und das zum Teil in wirklich exotischen Umgebungen wie der Nordsahara oder wie im August diesen Jahres auf einem Gletscher im Kaunertal.
Wir lieben den Dreck unter den Fingernägeln. Wir verstehen uns als eine Art Schiffsbauer für zukünftige Mars-Expeditionen.

Stichwort Mars-Expedition: Wann wird der erste Mensch den Mars betreten?
Wir gehen davon aus, dass derjenige Mensch, der den ersten Schritt am Mars machen wird, bereits geboren ist. Es kann sein, dass diese Person gerade in die Volksschule in Peking, in New York oder in Wien geht.

Hat das ÖWF Kooperationen mit der ESA oder der NASA – also den klassischen Weltraumorganisationen?
Ja. Wir arbeiten nicht alleine, sondern natürlich im Verbund mit internationalen, qualitativ hochwertigen Forschungspartnern. Deshalb gibt es tatsächlich Kooperationen mit der NASA, mit der ESA oder der deutschen Luft- und Raumfahrtagentur.
Wir haben ein sehr starkes Netzwerk, wir sind einer der österreichischen Gateways zum Mars. Wir publizieren, wir sind auf vielen Konferenzen vertreten.
Es ist eine kleine, bescheidene Nische, in der wir aber als Österreicher einen signifikanten Beitrag leisten dürfen, was auch international großen Anklang findet. Im August wird das Kaunertal in Österreich beispielsweise eines der wenigen Zentren der weltweiten Marsforschung sein.

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Das heißt, wenn es tatsächlich in sagen wir 20 Jahren eine Mars-Mission geben wird, dann sind im dortigen Equipment und Know-How eure Erkenntnisse eingeflossen?
Genau. Wie auch immer der Weg zum Mars aussieht, ein Teil davon werden wir dazu beigetragen haben.

Kommen wir zur simulierten Mission selbst: Welche konkreten, wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen aus dem Projekt AMADEE-15 gewonnen werden?
AMADEE-15 ist eine Art Forschungsplattform für verschiedene Disziplinen: Es geht zum Beispiel um „Human Factors Research“. Es wird also untersucht,  wie sich Menschen in Extremsituationen am Gletscher unter Mars-ähnlichen Bedingungen verhalten. Es gibt aber auch ingenieurstechnische Tests, bei denen wir die Mobilität von robotischen Fahrzeugen testen. Spannend ist auch der Bereich der Astrobiologie, bei dem wir simuliert nach Leben auf dem Mars suchen. Also wir testen, ob und welche Bakterien in dieser Höhe und bei extremer UV-Bestrahlung überleben können. Dafür haben wir extra ein spezielles Laser-Gerät entwickelt.
Im Zuge eines europäischen Großprojektes machen wir außerdem eine Inventarisierung der DNA von extremophilen Bakterien. Damit bekommen wir ein Archiv von jenen Bakterien, die unter Mars-Bedingungen überleben können.
Ganz neu ist außerdem die Zusammenarbeit mit Glaziologen, bei der wir unter sehr kontrollierten Bedingungen Datensätze für das österreichische Gletscherinventar liefern. Somit liefern wir auch Forschungsergebnisse, die direkt auf der Erde von nutzen sind.

Warum findet die Mission auf einem Gletscher statt?
Wir waren schon in der Wüste und wir waren auch schon in Höhlensystemen. Das Kaunertal haben wir deswegen ausgewählt, weil wir eine ganz tolle Kombination aus Gletschern und Blockgletschern haben. Letztere sind Gleschter, die unterhalb einer Felsschicht liegen und in ähnlicher Form auch am Mars anzutreffen sind. Das heißt, wir haben einige der wichtigsten Umweltbedingungen, wie wir sie auch auf dem Mars vorfinden. Diese Gebiete auf dem Mars sind deshalb so extrem interessant für uns, weil es dort Wassereis gibt und wir wissen, dass es auch flüssiges Wasser unterhalb der Marsoberfläche gibt.
Je mehr Daten wir beispielsweise vom Mars-Rover Curiosity erhalten desto mehr erkennen wir, dass der Mars aktuell prinzipiell bewohnbar wäre für Bakterien. Die Preisfrage ist, ob er in der Vergangenheit auch bewohnt war.

Das heißt, dass am Mars einmal lebensfreundliche, erdähnliche Bedingungen geherrscht haben?
Genau. Der Mars ist jetzt eine kalte, trockene Wüste mit Minus 70 Grad Celsius Durchschnittstemperatur. Er hat einen sehr geringen Luftdruck und eine hohe Strahlungsrate – also in Summe relativ ungemütlich.
Aber das war nicht immer so: Wir wissen, dass es am Mars bis vor etwa 3,5 Milliarden Jahren flüssiges Wasser direkt auf der Oberfläche gab, bis hin zu Ozeanen mit drei Kilometer Wassertiefe. Man konnte am Mars also Tiefseetauchen.
Das hat er zwischenzeitlich verloren, vermutlich unter anderem weil sein Magnetfeld schwächer wurde. Das heißt, falls es auf dem Mars zu einer frühen Lebensentwicklung gekommen ist – also zu einer zweiten Genesis –, dann ist die große Frage, was mit dem dortigen Leben passiert ist, als die Umweltbedingungen schlimmer geworden sind.
Wir glauben, dass falls es dort Leben gab, sich dieses in Nischen zurückgezogen hat. Wie zum Beispiel in Höhlensysteme, die vor Meteoriten sicher sind, ein freundlicheres Klima bieten und auch weniger Strahlung ausgesetzt sind.
Also wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre das Höhlenklettern auf dem Mars.

Wie wahrscheinlich ist es, dass in diesen Höhlensystemen auch heute noch Leben existiert?
Es gibt die Möglichkeit, mehr nicht. Wir beim ÖWF beschäftigen uns aber intensiv mit dem Thema, wie es ist mit Raumanzügen in Höhlen zu arbeiten. Das ist eine technologisch unglaublich große Herausforderung – selbst auf der Erde ist die Kommunikation in Höhlensystemen schwierig, da es keine konstante Datenverbindung gibt.
Ziel ist, zu schauen, wie es wäre, wenn Menschen eines Tages ein Höhlensystem auf dem Mars betreten. Wir wissen seit über 15 Jahren, das es solche gibt und kennen sogar schon Eingänge zu diesen Höhlensystemen.

Kann man den Mars theoretisch „Terraformen“ und ihn wieder in einen erdähnlichen Planeten verwandeln oder ist das Science Fiction?
Theoretisch ja, dazu gibt es auch Konzepte. Das Thema ist ein wunderbares Testgelände für Papierstudien. Der Mars macht es sogar mit sich selbst ab und zu, etwa wenn alle paar hunderttausend Jahre die Polachsen kippen, Polkappen abschmelzen und sich die Atmosphärendichte mehr als verdoppelt.
Ideen zur künstlichen Terraforming sind aber keine Projekte, die sich über ein paar Generationen erstrecken, sondern das sind Dinge, die Tausende von Jahren dauern dürften. Die Frage ist auch, ob man das überhaupt will. Wir verändern ja bereits die Erde – nicht sehr erfolgreich und eher unbeabsichtigt.

Was sind generell die größten Herausforderungen bei einer Mars-Mission?
Es gibt ein paar Hürden, die wir kennen: weniger Schwerkraft, hohe Strahlung, niedriger Luftdruck oder extreme Temperaturschwankungen. Das sind alles Risiken, die wir kennen. Wovor ich viel mehr Respekt habe, sind jene Risiken, die wir nicht kennen. Wenn beispielsweise etwas kaputt geht, bin ich 380 Millionen Kilometer vom nächsten Baumarkt entfernt.
Wir brauchen also sehr robuste Technik, die leicht servicierbar ist. Ein elementarer Bestandteil einer Mars-Mission wäre daher ein zuverlässiger 3D-Drucker, oder auch ein Nahrungsmittel-Drucker. Man muss vor Ort beispielsweise auch in der Lage sein, eine Zahnfüllung zu ersetzen – was wir übrigens auch am Gletscher simulieren werden. Redundanz wird bei unseren Tests immer groß geschrieben – ähnlich wie in der Telekommunikationsbranche.

Wie gefährlich sind neben dem eigentlichen Aufenthalt der Hin- und Rückflug zum Mars?
Gerade die Rückreise ist eine enorme Herausforderung. Man reist mit einem Raumschiff zurück, das fünf Jahre zuvor hingeschickt wurde. Dieses Schiff besteht aus vielen Bauteilen und sitzt wahrscheinlich schon über ein Jahr auf der Marsoberfläche, bis die Astronauten einsteigen. Dort drücken sie dann auf den Start-Knopf, der vom billigstbietenden Hersteller gebaut wurde und alles muss wie ein Glöcklein funktionieren.
Damit die Triebwerke auch tatsächlich fehlerfrei zünden, brauchen wir eine technologishe Robustheit, die wir auf der Erde noch nicht gewöhnt sind.

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Es gibt ja auch das Mars One-Projekt, das eine Mars-Mission privat finanziert auf die Beine stellen will.  Was halten Sie davon?
Wir wünschen den Kollegen grundsätzlich alles Gute. Ich befürchte aber, dass die Gruppe, die dahintersteht, den technologischen und programmatischen Aufwand krass unterschätzt hat. Ich glaube nicht, dass überhaupt irgendwelche Mars One-Hardware von der Erde abheben wird. Dennoch denke ich, dass das Erbe von Mars One sehr spannend ist: Es haben sich hunderttausende Menschen mit dem Gedanken beschäftigt, wie es sein könnte, auf eine One-Way-Reise zum Mars aufzubrechen.
Das finde ich gesellschaftlich spannend, weil es ja auch den Zuspruch aus der Gesellschaft braucht, um eine derartige Mission eines Tages ins Rollen zu bringen. Das finde ich super und man merkt es aktuell, dass wir uns nicht mehr fragen ob wir zum Mars fliegen, sondern wann es passiert. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit.

Obama hat angekündigt, dass es innerhalb der nächsten 30 Jahre eine bemannte Mars-Mission geben wird.
Ja, genau. Die NASA arbeitet daran. Auch der Generaldirektor der European Space Agency (ESA) hat gesagt, dass es definitiv eine Mars-Mission geben wird. Das ist ein sehr mutiges politisches Statement, weil da immense Ressourcen benötigt werden. Aber ich denke, dass unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, in der eine Mars-Basis genau so selbstverständlich ist, wie für uns eine Antarktis-Station.

Also bei einer Mission wird es Ihrer Meinung nach nicht bleiben?
Richtig. Wir werden zunächst als Besucher kommen, aber letztlich als Siedler bleiben.

Mit welchem Zeitfenster können wir bei Besucher und Siedler rechnen?
Beim Besuch reden wir von ein paar wenigen Jahrzehnten. Also 20 oder 30 Jahre, vielleicht auch etwas länger. Bei einer permanenten Station wird wahrscheinlich nochmal eine Generation dazwischen liegen, weil der Aufwand einfach nochmal um ein Vielfaches höher ist.
Es gibt eine neue MIT-Studie, die besagt, dass alleine für eine Einjahres-Mission mit ein paar Leuten zirka 55 Prozent der transportieren Masse Ersatzteile sein werden. Das heißt, dass für eine permanente Station einfach noch Technologien fehlen, die essentiell sein werden. Etwa aus den Sparten Recycling, Rapid-Manufacturing oder Telekommunikationstechnologien. Wenn ich heute einen Ping zum Mars schicke, dauert es 10 Minuten, bis dieser ankommt. Da sagt jedes Online-System auf der Erde „Timeout“. Da muss man sich neue Ansätze überlegen. Das tolle an Projekten des technisch machbaren sind die vielen Spinoffs, die anfallen.
Egal wann und wie es zu einer Mars-Mission kommt: Wenige Jahre danach, werden wir einige dieser Technologien auch privat in Smartphones – oder einem Neuro-Plugin im Neocortex, oder was es immer dann geben wird – nutzen können.

Abschließende Frage: Würden Sie selbst gerne zum Mars reisen?
Ja, ich würde gerne zum Mars fliegen. Vorausgesetzt, ich kann mir im Vorfeld sehr genau ansehen, mit welcher Technologie und mit welchen Menschen die Reise stattfindet. Ich bin was das betrifft zwar wirklich abenteuerlustig, will aber definitiv wieder lebendig zurück kommen. Eine One-Way-Mission kommt für mich nicht in Frage. Aber diese Wahl muss natürlich jeder für sich treffen.
Grundsätzlich ist die Aussicht, bei der bislang größten Reise der Menschheit dabei sein zu dürfen und den Fuß auf den Boden einer neuen Welt zu setzen, einfach eine derartig tolle Aussicht, dass wahrscheinlich kaum jemand nein dazu sagen würde.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Raphael Schön, Fotos: ÖWF/Katja Zanella-Kux



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