Rob Rhineheart

Ich will mich und die Welt nur noch flüssig ernähren


Sieben Milliarden Menschen, Überfischung, Zivilisationserkrankungen, Massentierhaltung, Hungersnöte. Es liegt auf der Hand, dass eines der gravierendsten Probleme der Menschheit heute die Bereitstellung und Verteilung von gesunder Nahrung für alle ist. Eine Tatsache, die auch den ausgebildeten Softwareentwickler Rob Rhinehart aus Kalifornien schon seit Kindheit beschäftigt. Er glaubt fest daran, dass eine so hochentwickelte Spezies wie der Mensch sich auch hochentwickelt ernähren sollte und Massenproduktion von pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln – ob Bio oder nicht – den Bedürfnissen von so vielen Menschen nicht gerecht wird. Und vor allem nicht immer die richtige Zusammensetzung gewährleistet. Ein Schlüsselerlebnis aus seiner Kindheit beschreibt er wie folgt: „Ich war daheim und bekam Salat, und ich wunderte mich, warum ich in einem konstruierten Haus und umgeben von Technik an einem Blatt herumkaute. Das müsste doch effizienter möglich sein.“

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Rob ging mit seiner unprätentiösen und pragmatischen Art an die aus seiner Sicht ideale Lösung heran. Eine Mischung aus allerlei Nährstoffen, Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen, allesamt günstig und industriell herstellbar, bildet das Basispulver. Dieses wird einfach mit Wasser verquirlt und ergibt so einen vollwertigen Ersatz für eine herkömmliche Mahlzeit. Um seiner Idee Glaubwürdigkeit zu verleihen, startete der damals 24-jährige 2013 eine Selbstversuch: 30 Tage ausschließlich Ernährung durch das von ihm entwickelte Vollnahrungsmittel, der Name des Wunderpulvers: Soylent.

Schnell verbreitete sich in den Medien die Nachricht des geglückten und nach ärztlichen Befunden auch legitimen Projekts, eine Crowdfunding-Kampagne konnte schon nach nur einem Monat sagenhafte 800.000 Dollar lukrieren. Zusammen mit Kommilitonen und Freunden wurde Soylent zu einem einfachen Herstellungs- und Abfüllbetrieb, nach anfänglich einfacher Produktion konnte mittels weiterer Mittel von Investoren auf professionelle Produktion und Vetrieb ausgebaut werden.

Auch wenn Ärzte Soylent eine grundsätzlich solide Wirkungsweise als vollwertiger Nahrungsersatz bescheinigen, sind die Hürden für breite Akzeptanz ganz andere. Der Geschmack ist nach einhelliger Meinung extrem langweilig, bei einer Zusammensetzung aus hauptsächlich Hafermehl und Reisprotein auch kein Wunder. Selbiges gilt für Textur und Aussehen, etwas spritzigeres Fooddesign wäre hier sicher ratsam. Für Rob aber Nebensächlichkeiten, der das Produkt vor allem leistbar halten will und daher auf unnötige Beigaben verzichtet. Wobei „leistbar“ natürlich ein dehnbarer Begriff ist, bei ca. 300 $ pro Monat fallen wahrscheinlich jedem günstigere Lebenmitteleinkäufe ein. Rob legt aber Wert darauf, dass seine Nahrung ja auch gesund und ressourcenschonend wie moderne Biowirtschaft ist und so gesehen wiederum wesentlich billiger.

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Der Name des Produkts ist übrigens dem dystopischen Klassiker Soylent Green entlehnt, in dem eine überbevölkerte Erde mit vermeintlich synthetischer Massennahrung versorgt wird – die sich aber letztendlich als verarbeitete Menschen herausstellt. Davon distanziert sich Rob natürlich, fand den Namen aber trotzdem gut, weil er „nach einer wissenschaftlichen und modernen Nahrungsquelle klingt und von der Grundthematik ja auch stimmt.“ Robs streng pragmatische Herangehensweise entbehrt nicht einer gewissen Logik. Doch die nicht mit Logik erklärbare Seite der Ernährung, nämlich die soziale Komponente, bleibt hier auf der Strecke. Seit Jahrtausenden ist die gemeinsame Vorbereitung, Zubereitung und der Verzehr von mehr oder weniger komplexen Gerichten der Kleister, der die Gesellschaft zusammenhält. Was passiert, wenn Nahrung knapp wird, hat die Geschichte leider schon oft grausam gezeigt. Denn gesellige Runden, ein feiner Businesslunch, süße Belohnungen – all das spricht Belohnungssysteme im Gehirn an und fördert die soziale Interaktion, die uns als Menschen ausmacht. Es ist nicht wirklich eine fröhliche Runde am Mittagstisch, wenn jeder nur seine graue Soylent-Mischung aus dem Becher schlürft.

Das weiß auch Rob, der selbst nicht unbedingt auf eine 100% Ernährung durch Soylent pocht, sondern dieses als eine Art Hauptnahrungsmittel sieht. Auch er selbst gönnt sich zweimal die Woche eine richtige Mahlzeit. Im Ansatz klingt das alles also recht klug und vernünftig – nur den Geschmack und die nüchtern-unsexy Aufmachung müssen er und seine Partner noch in den Griff kriegen, denn auch beim Essen gilt: Sex sells.

Text: Markus Höller, Fotos: soylent.com



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