Robert Meyer

Ich will Tradition und Moderne in der Volksoper zusammenbringen


Robert Meyer ist seit mehr als sieben Jahren Direktor der Volksoper Wien. Er ist nicht nur einer der wenigen Langzeitdirektoren des Hauses, sondern gehört auch zur Gattung der Multitalente. Zwar führen auch andere Direktoren der Wiener Häuser mal Regie, doch Meyer steht auch selbst auf der Bühne. Er ist Schauspieler mit Leib und Seele: Vor seiner Direktion war er 33 Jahre Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Seine Faszination für das Musiktheater führte ihn zunächst ab 1993 als Gast an die Volksoper, wo er den schönen Sigismund im „Weißen Rössl“, den Sancho Pansa in „Der Mann von La Mancha“ und den Frosch in „Die Fledermaus“ spielte.

Im September 2007 übernahm er die Leitung der Volksoper. Von Anfang an war dem Operetten-Fan wichtig, die Tradition der Volksoper mit modernen Einflüssen zu verbinden. Das Aufrechterhalten der Operette – einem oftmals tot geredeten Genre – spielt dabei eine genauso große Rolle wie die Stärkung des Ensembles, die Vielfalt des Repertoires und ein ständiger Kinderschwerpunkt. Kleinen zeitgenössischen Opern wird die Volksoper ab übernächster Spielzeit einen Raum bieten.

Wir haben mit Robert Meyer über die nahe Zukunft der Volksoper, die Welt der Musicals und seine Liebe zum Schauspiel gesprochen.

Wie-wir-wollen.at: Die Volksoper hat nicht nur aufgrund ihres langen Bestehens Tradition. Ist es Ihnen als Direktor wichtig, die Tradition der Opern und Operetten aufrecht zu erhalten?
Robert Meyer:
Wir sind das einzige Haus in Wien, das dieses Genre bedient. Die anderen spielen entweder Oper oder Musicals, aber es gibt außer der Volksoper kein Haus, das alle vier Genres unter einem Dach vereint: Operette, Oper, Musical und Ballett. Diese Vielfalt möchte ich unbedingt erhalten. Die Operette wird schon seit hundert Jahren tot geredet. Wie wir wissen, lebt sie aber noch immer und sie wird auch die nächsten Jahrzehnte überleben.

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Seit mehr als 7 Jahren sind sie jetzt schon Direktor. Wie schafft man es, sich nicht von der eingeübten Routine einlullen zu lassen und immer noch frischen Wind in die Sache zu bringen?
Gut geölt sollte die Maschine natürlich immer sein. Aber wie bei einem Auto ist es auch wichtig, dass mit frischem Öl nachgeölt und das alte herausgelassen wird. Es wird einem bei diesem Job nie fad. Und es gibt ein riesiges Repertoire, aus dem man immer wieder schöpfen kann. In den letzten Jahren haben wir etwa auch die Berliner Operetten nach Wien geholt. Obwohl dies für die Volksoper neu war, ist es bei dem Wiener Publikum gut angekommen. Ich würde gerne mehr zeitgenössische Werke bringen. Für diese kleineren Produktionen ist unser Haus aber zu groß. Deswegen werden wir ab übernächster Spielzeit mit dem Burgtheater zusammenarbeiten, um pro Jahr ein bis zwei Werke österreichischer oder deutscher Komponistinnen und Komponisten zu zeigen. Gemeinsam mit dem Burgtheater soll so das Kasino am Schwarzenbergplatz erhalten werden, indem dort ein Raum für zeitgenössische Werke geöffnet wird.

Sie sprechen da vor allem Opern aus dem deutschsprachigen Raum an. Sehen Sie darin einen Trend, dass man den Fokus auf die lokalen Künstler legt?
Ich finde ganz wichtig, dass gerade österreichische Komponisten ausgewählt werden, da sie es sehr schwer haben, ihre Werke zu präsentieren. Im vergangene Oktober haben wir Friedrich Cerhas „Onkel Präsident“ gezeigt. Er ist natürlich der Doyen der zeitgenössischen Musik. Junge Komponistinnen und Komponisten haben aber einfach kein richtiges Forum, um ihre Arbeiten präsentieren können. Es wird Zeit, dass die Volksoper ihnen diese Möglichkeit bietet, nur eben auf einer kleineren Bühne.

Sie sprechen häufig davon, dass ein Stück gut funktioniert hat. Und da ist es ganz klar, dass man den Erfolg eines Stückes an den Besucherzahlen misst. Aber bekommen sie auch schriftliche Rückmeldung vom Publikum? Etwa in Form von Zuschauerbriefen?
Ja, natürlich. Wir merken die Zustimmung aber auch auf anderem Wege: Manchmal, besonders bei weniger bekannten Titeln, ist der Vorverkauf am Anfang eher lau und bei der dritten, vierten Vorstellung schnellen die Besucherzahlen nach oben. Das ist der Verdienst der Mundpropaganda, die in Wien sehr gut funktioniert und auch sehr wichtig ist.

Das ist sehr interessant, vor allem wenn man sich ihre Homepage und die Volksoper-App anschaut. Hilft diese Onlinepräsenz auch bei der Mundpropaganda? Und können dadurch sogar Menschen angesprochen werden, die nicht die typischen Opern-Geher sind?
Die Leute, die unsere App verwenden, sind natürlich schon Personen, die öfter in die Volksoper gehen. Die Anwendung erleichtert den Ticketkauf, man hat den Spielplan immer dabei und kann sich unterwegs das Programmheft als PDF herunterladen und zusätzlich Videos zu unseren Produktionen anschauen, Interviews mit Sängern oder Vorstellungstrailer. Eine weitere Onlinepräsenz haben wir auch auf Facebook – wobei nur das Theater auf Facebook ist und ich persönlich nicht.

Weg vom Thema Internet. Wir würden gerne wissen, ob Sie es auch so sehen, dass die Männerdomäne Theaterleitung langsam von Frauen erobert wird. Schließlich gab es ja in den vergangenen hundert Jahren weder bei der Volksoper, noch bei der Staatsoper Direktorinnen. Jetzt sieht man etwa auch beim Burgtheater weibliche Führungspersonen.
Gerade hier in Wien war Kathi Zechner, bevor sie zum ORF zurückgegangen ist, die Intendantin der Musical-Schiene der Vereinigten Bühnen Wiens. Das Burgtheater hat jetzt eine Direktorin, und auch das Volkstheater bekommt demnächst eine Chefin. In der Museumslandschaft in Wien fällt mir fast kein Mann in der Führungsetage ein. Die Frauen sind auf dem Vormarsch. Das heißt aber nicht, dass die Volksoper oder auch die Staatsoper um jeden Preis eine Direktorin haben müssen.

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In einem anderen Interview sagten Sie, dass ihr Publikum 40+ wäre und sie nicht alles umkrempeln würden, nur damit es jünger wird. Wie bringt man denn die heutigen Jungen dazu, dass sie die nächsten 40+ Volksoper-Besucher werden?
Das kommt auf das Programm an. In dieser Spielzeit hatten wir die Musical-Premiere von „Der Zauberer von Oz“, ein Musical für die ganze Familie. Ich habe den Zauberer gespielt und mich jedes Mal gefreut, wie viele Kinder im Publikum saßen. Je mehr Kinder im Publikum sind desto lieber ist es mir. Die Stimmung ist viel unmittelbarer, weil Kinder so hemmungslos lachen, schreien und mitfiebern.
Aber auch „Sweeney Todd“ hat neues Publikum ins Haus gelockt. Es gibt die Verfilmung mit Johnny Depp, die natürlich viele junge Leute gesehen haben und dann neugierig waren, wie das auf der Bühne aussieht. Ich hoffe, dass die, denen „Sweeney Todd“ gefallen hat, sagen: „Jetzt schauen wir uns mal eine Operette an.

Man hat oft das Gefühl, dass Menschen an sich gerne Musicals mögen. Diese Shows bestehen aus mitreißender Musik, bunten, meist aufwendigen Bühnenbildern und man kann ihnen leicht folgen. Dafür, dass der Musicalmarkt total überfüllt mit neuen Shows ist, ist Sweeney Todd eigentlich ziemlich alt. Es ist interessant, dass sich Menschen trotzdem wahnsinnig davon begeistern lassen, egal wie alt die Show ist.
Wir spielen in erster Linie klassische Broadway-Musicals wie „My Fair Lady“, „Guys and Dolls“, „Hello, Dolly!“ oder „Kiss me, Kate“. „Sweeney Todd“ wurde 1978 uraufgeführt und ist damit das jüngste Musical an unserem Haus. Die Melodien sind nicht so eingängig, es ist musikalisch ziemlich kompliziert. Streckenweise ist „Sweeney“ Todd eine zeitgenössische Oper. Das ist genau das, was wir an unserem Haus zeigen wollen. Wir würden eher keine neuartigen Musicals wie „Elisabeth“ zeigen, die sind bei den Vereinigten Bühnen bestens aufgehoben.

Kann es sein, dass das Publikum in Wien so begeistert von den Musicals ist, die auf den Wiener Bühnen gespielt werden, weil es nicht so eine große Auswahl an Shows gibt? So nach dem Motto: Man nimmt, was man kriegen kann?
Wien hat 1,7 Millionen Bewohner und dafür aber relativ viele Bühnen. In London sind das ganz andere Dimensionen. Es ist eine enorme Leistung, dass Wien so viele Theater hat. Wir wissen, dass Touristen, die nach Wien kommen, auch oder vor allem an der Kultur interessiert sind. Fremdsprachige Touristen werden nicht ins Burgtheater gehen, sondern eher ins Konzert, in die Oper oder eben in Musicals.
Natürlich gibt es noch andere Unterschiede zum Westend in London und zum Broadway in New York. Zum Beispiel sitzen bei uns 50 oder mehr Orchestermusiker im Orchestergraben, wenn ein Musical gespielt wird. Am Westend sieht man die Musiker nicht, da sie überdacht sind, aber es sind nicht mehr als 21. Alles wird mit Synthesizern und anderen technischen Hilfsmitteln begleitet. Wenn fremdsprachige Touristen in Wien das große Orchester sehen, sind sie immer ganz baff.

Mich würde interessieren, wie die Auswahl getroffen wird, welches Musical zu uns nach Wien kommt.
Ich kannte „Sweeney Todd“ nicht und habe den Film angeschaut. Dem Chefdramaturgen Christoph Wagner-Trenkwitz habe ich die DVD zurückgegeben und einen Satz gesagt, der später auf der Bühne zur Wahrheit werden sollte (Anm.: Robert Meyer spielte den Richter Turpin in „Sweeney Todd“): „Nur über meine Leiche!“
Er hat mir erklärt, dass es auf der Bühne ganz anders ausschauen würde. Also sind wir nach London gefahren und haben es uns angeschaut. Ich war begeistert. Wir haben beschlossen, das Stück nach Wien zu holen und es unserem Publikum zu zutrauen. Es ist keine leichte Kost, wenn andauernd Leute umgebracht und zu Pasteten verarbeitet werden. Aber es hat sich herausgestellt, dass das Wiener Publikum genauso gelacht hat wie das Londoner Publikum. Der Komponist Stephen Sondheim ist übrigens sogar zur Premiere angereist.

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Haben Sie ein engeres Verhältnis zu Ihren Mitarbeitern, weil Sie auch auf der Bühne stehen?
Ja, dadurch habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen. Das gilt für die Kollegen und Kolleginnen vom Chor, vom Ballett und vom Orchester gleichermaßen. Wir stehen gemeinsam als Kollegen auf der Bühne. Da bin ich nicht der Direktor oder der distanzierte Opernmanager.

Hatte das Ensemble je Hemmungen Ihnen gegenüber, wegen Ihrer Position?
Nein, es gab eigentlich nie Hemmungen, aus dem einfachen Grund, dass ich schon vor meiner Arbeit als Direktor an der Volksoper gespielt habe. Wenn jemand neu ans Haus kommt, dann zum ersten Mal mit mir auf der Bühne steht, kann das ein wenig merkwürdig sein. Aber mit allen, mit denen ich gemeinsam spiele, bin ich prinzipiell per Du, weil ich nicht bei Proben sagen kann: „Ich hätte so gern, wenn Sie mich anschauen würden.“ Darum haben wir alle miteinander ein sehr kollegiales, freundschaftliches Verhältnis.

Sie haben als Gast-Schauspieler an der Volksoper gespielt und haben dann nach Rudolf Berger die Direktion übernommen. Gab es da am Anfang Dinge, mit denen Sie sich überhaupt nicht ausgekannt haben?
Ich hatte ein großes Glück, dass Rudolf Berger diese Position nicht mehr wollte und ich ihn deswegen nicht verdrängt habe. Vielmehr habe ich ihn abgelöst. Rudolf Berger hat etwas gemacht, was Vorgänger nie machen: Er hat mir sofort ein Büro in seinem Stock einrichten lassen und ich bin gleich eingezogen. Ich habe acht Monate lang mitbekommen, was in einer Spielzeit alles zu tun ist. Das war genug Zeit, um mich daran zu gewöhnen, wie das alles funktioniert.

Wenn Sie auf ihre lange Karriere zurückschauen und an die Ideen denken, die Sie in Ihrer Anfangszeit als Direktor gehabt haben: Wie zufrieden sind Sie mit ihrer Arbeit?
Die Volksoper steht sehr gut da. Seit meinem Amtsantritt im September 2007 haben wir 76 Premieren herausgebracht und rund 2.300 Vorstellungen gespielt. Ich bin stolz darauf, dass es gelungen ist, das Haus zu stabilisieren und das Profil der Volksoper als lebendiges und vielseitiges Musiktheater in Wien zu schärfen. Es liegen noch viele spannende Jahre vor uns und ich freue mich darauf, den eingeschlagenen Erfolgskurs gemeinsam mit meinem Team bis Juni 2022 fortzusetzen.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Anne-Marie Darok / Fotos: Robert Meyer, Barbara Pálffy/Volksoper, Johannes Ifkovits/Volksoper



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