Stefan Dobrovolny

Ich will wissen, wie sich Astronauten fühlen


Pilot oder Raumfahrttechniker: Das klassische Astronauten-Profil hat Stefan Dobrovolny aus dem kleinen Ort Mürzzuschlag in der Steiermark nicht zu bieten. Statt dessen studierte der 25-jährige in Wien Medizin und arbeitete in seiner Freizeit ehrenamtlich als leitender Notfallsanitäter beim Roten Kreuz und bei der Bergrettung.

Für die AMADEE-15 Mission, bei der im August 2015 am Kaunertaler Gletscher ein Besuch auf dem Mars simuliert wird, hat er sich aber dennoch beworben – mit Erfolg.

Nach gut sechs Monaten Training und kurz vor dem Beginn der simulierten Mars-Mission erzählt Stefan im Interview über die harte und langwierige Ausbildung, die Experimente, die im Zuge der Simulation durchgeführt werden und welche Hürden und Unbekannten es bei einem tatsächlichen Mars-Besuch gibt.

Wie-Wir-Wollen.at: Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, bei einer simulierten Mars-Mission mitzumachen?
Stefan Dobrovolny: Ich bin gemeinsam mit Kollegen im Ultraschallraum am AKH in Wien gesessen und habe dort die Ausschreibung im Internet gelesen. Ein guter Freund und ich haben uns dann darüber unterhalten und nachdem ich mich noch etwas eingelesen hatte, habe ich nach ein paar Tagen überlegen die Bewerbung abgeschickt. Nach zwei oder drei Wochen bekam ich die Antwort und wurde eingeladen.

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Foto: ÖWF/PaulSantek

Du studierst Medizin und bist ehrenamtlich beim Roten Kreuz tätig. Wurde jemand mit diesem speziellen Background gesucht oder ist das eher ein Bonus, den du mitbringst?
Es wurde eigentlich niemand mit medizinischem Background gesucht. In der Ausschreibung lag der Fokus eher auf Piloten und Raumfahrttechnikern – eher die klassische Schiene. Ich war jedenfalls der einzige Mediziner, der es in die finale Auswahl geschafft hat.

Wurde die Mission danach speziell auf deine Expertise angepasst? Oder wie wirst du dein Know-How in die Mars-Missions-Simulation einbringen?
Ja, schon ein wenig. Ich war schon in der Ausbildung in das Thema Erste Hilfe involviert, da ich als Studenten-Job entsprechende Kuse geleitet habe. Während der Ausbildung lief es aber generell symbiotisch ab: Jeder konnte sein Spezialwissen aktiv einbringen und wurde ernst genommen.
Wie jeder andere bin ich zudem als „Safety“ eingeteilt. Also wenn ein Anzug in Simulation geht, bin ich quasi dessen Schatten und passe mit Feuerlöscher und Erste Hilfe-Equipment ausgestattet auf, dass nichts passiert.

Wie kann man sich die Ausbildung selbst vorstellen? Wie lang hat sie gedauert und was habt ihr gemacht?
Die Ausbildung hat im Februar sofort nach dem zweiten Auswahlverfahren angefangen und ging in fünf intensivenTrainingsblöcken über die Bühne. Rückblickend war es eine ziemlich anspruchsvolle Ausbildung, die sehr breit gefächtert war: wir haben Grundlagen zu Raumfahrttechnik und Geologie gelernt und uns wurde ganz generell beigebracht, welche technologischen Möglichkeiten es aktuell gibt, um auf den Mars zu kommen. Das war alles sehr spannend. Aber wir hatten auch einen Psychologie-Crashkurs, weil dieser Aspekt auch nicht unerheblich ist. Und natürlich war ein großer Schwerpunkt der Raumanzug selbst, den wir alle mittlerweile in- und auswendig kennen.
Der Anzug ist zirka 48 Kilo schwer und verfügt über ein Exoskelett. Dieses fängt schnell zu drücken an, wenn du es nicht richtig anbringst. Deshalb war ein wichtiger Teil der Ausbildung, wie man den Anzug richtig anzieht, damit es da keine Komplikationen gibt. Außerdem hatten wir in den letzten Tagen verstärkt Übungen mit den Handschuhen, bei denen wir zum Beispiel mit kleinen Schrauben oder Muttern arbeiten mussten, um ein Gefühl für die klobigen Handschuhe zu bekommen.
Und natürlich spielt auch die körperliche Fitness eine Rolle, weshalb wir gemeinsam mit einer Sportwissenschaftlerin einen strengen Fitness- und Ernährungsplan erarbeitet haben.

Wie kann man sich das Gefühl vorstellen, wenn man in einem Raumanzug steckt?
Die meisten Sachen, die du in schriftlicher Form darüber findest, klingen immer sehr romantisch und verträumt. Die Realität sieht ein wenig anders aus. Ein guter Vergleich wäre es meiner Meinung nach, wenn du mit einem 48 Kilo schweren Rucksack in eine mittelheiße Sauna gehst und dort immer wieder die Stufen hoch und runter kletterst. So in etwa kannst du dir das vorstellen (lacht). Im Ernst: es fühlt sich schwer an, deine Bewegungen sind eingeschränkt und es wird mit der Zeit heiß.
Aber es ist dennoch ein tolles Gefühl. Vor allem, wenn du dir durch den Kopf gehen lässt, was da alles dahintersteckt, was du für diesen Momante alles getan hast, wieviele Leute am Anzug arbeiten. Das sorgt im Nachhinein dafür, dass man die Erfahrung romantisiert.
Aber wenn du im Anzug steckst, ist das pure Arbeit. Du musst extrem konzentriert sein, musst überlegt und strukturiert vorgehen. Wenn ich den Anzug an habe, werde ich extrem leise, gehe sehr in mich zurück, versuche meine Gedanken zu fokussieren und funke nur das absolut nötigste.
Im Endeffekt geht’s darum, dass wir valide, wissenschaftliche Daten liefern und nicht darum, irgendwelche Kindheitsträume zu verwirklichen.

Wie lang bist du im Zuge dieser Experimente im Anzug?
Das ist je nach Mission unterschiedlich. Die Simulationsdauer beträgt in der Regel aber vier Stunden, was sich bei etwaigen Komplikationen natürlich nach hinten ziehen kann. Dazu kommt noch die An- und Auszieh-Phase. Ich denke, dass wir durchschnittlich fünf Stunden am Stück im Anzug stecken werden.

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Foto: ÖWF

Was wirst du ganz konkret im Zuge der Simulation machen?
Es wird insgesamt 12 Experimente geben, die ausgewählt wurden und am Berg durchgeführt werden. Jeder Tag ist minutiös durchgeplant. Als erstes muss der Raumanzug angezogen werden, danach gehen wir in Simulation – das heißt, dass es bei der Kommunikation mit der Basis in Innsbruck 20 Minuten Zeitverschiebung wie auf dem Mars – also 10 Minuten in jede Funk-Richtung – geben wird.
Ein interessantes Experiment wird beispielsweise das zum „Ground Penetrating Radar“ sein: Das ist ein portables System, das alle paar Meter einen Radar-Impuls aussendet. Dieser Impuls zeichnet dir nach und nach den kompletten Gletscher digital auf. Du kannst also relativ schnell herausfinden, wie groß und tief dieser ist. Oder auch, ob sich Artefakte, wie etwa Wasser oder Felsen, im Gletscher befinden.
Unsere Aufgabe wird es sein, diese Daten zu sammeln. Erwähnenswert ist, dass die Daten im Nachhinein an die Gletscherforschung übergeben werden – wir simulieren da also nicht nur eine fiktive Mars-Mission, sondern liefern auch einen Beitrag zur österreichischen Gletscherforschung.

Gibt es auch Experimente, die sich beispielsweise mit der Suche nach Leben beschäftigen?
Ja, gibt es auch. Die Wissenschaft ist sich ja schon ziemlich einig, dass es am Mars Leben gegeben hat und womöglich immer noch gibt – zumindest in Form von Bakterien in gewissen Bereichen, wie etwa Höhlensystemen.
Beim entsprechenden Experiment kommt ein Laser zum Einsatz, der eine Gesteinsprobe sehr schnell nach organischem Material abtasten kann.

Dann weißt du als Astronaut, dass die Probe es wert ist, sie einzupacken?
Genau. Im Endeffekt ist das genau unsere Aufgabe während der Mission: Interessante Daten an Orten sammeln, die in ihrer Lebensfeindlichkeit in etwa den Bedingungen am Mars ähneln.
Es wird aber auch psychologische Tests geben oder auch ein Duschsystem wird getestet, mit dem du dich – in der Theorie – mit rund einem Liter Wasser komplett duschen kannst. Das wird spannend.

Würdest du bei einer echten Mars-Mission mitfliegen, wenn sich die Chance bieten würde?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Eine bemannte Mars-Mission ist aktuell noch in weiter Zukunft. Möglicherweise bin ich dann, wenn es technisch möglich ist, schon zu alt.
Ich bin aber wie viele andere auch der Meinung, dass derjenige, der als erster Mensch einen Fuß auf den Mars setzten wird, schon geboren ist. Aber aus jetziger Perspektive und mit der heutigen Technologie halte ich es für sehr verwegen zu sagen: „Ja, ich bin dabei, wenn wir zum Mars fliegen“.
Grundsätzlich besteht schon Interesse, allerdings muss es etwas Greifbares sein. Wenn sich beispielsweise die Möglichkeit bieten würde, mit auf die ISS zu fliegen, wäre ich mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei. Das würde mich extrem interessieren, dort zu forschen und Wissenschaft zu betreiben.

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Foto: ÖWF/PaulSantek

Denkst du also, dass eine Mars-Mission mit aktuell zur Verfügung stehenden Mitteln – wie etwa von Mars One geplant – noch nicht realistisch ist?
Es ist sicher möglich, allerdings muss man die Risiken und Entbehrungen bedenken. Das Mars One-Projekt ist ja nicht ohne Grund umstritten. Ich habe einige Artikel von Florian Freistetter gelesen, der sich dazu schon einige Male kritisch geäußert hat und für mich wirkt das ganz Projekt zu sehr nach Himmelfahrtskommando.
Das ist natürlich eine subjektive Meinung, aber ich finde, dass es schon die Möglichkeit für einen Rückflug geben sollte. Diese Einstellung habe ich wahrscheinlich aus der Bergsteigerei und aus der Bergrettung: Man darf gerne mal was erkunden und ein gewisses Risiko eingehen, aber eine Absicherung für einen Rückzug sollte immer gegeben sein.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Raphael Schön, Fotos: ÖWF



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