Christina Berzaczy und Lino Kleingarn

Wir wollen aus einem ehemaligen Bordell eine Theaterbar machen


Wer bei Séparée, Tanzstangen und dem 15. Bezirk in Wien an Bordelle denkt, hat im Fall des Irrlichts nur teilweise recht. In der Ullmanstraße 51 haben die zwei jungen Schauspieler Lino Kleingarn und Christina Berzaczy aus einem ehemaligen Bordell eine interaktive Bar mit einzigartigem Charme geschaffen.

Wenn man das Irrlicht heute betritt, lässt nur noch die Stange auf einem kleinen Podest erahnen, was sich hier früher abgespielt hat. Das Séparée wurde in Räume verwandelt, die man in dieser Form in Wien noch nicht kennt. In einem Raum kann man sich Kostüme anziehen und sich fotografieren, im nächsten kann man Super Nintendo spielen und auf der Bühne kann man sich auf dem Piano austoben, Konzerte spielen oder bei einem Poetry Slam mitmachen. Der Kreativität sind in dem kleinen Lokal keine Grenzen gesetzt.

Beim Betreten hat man sofort das Gefühl, hier willkommen zu sein und es ist fast ein bisschen so, als wäre man schon einmal hier gewesen—als würde man heimkommen. Dass die zwei Schauspieler viel Liebe und Detailarbeit in diese Räume gesteckt haben, ist auf den ersten Blick ersichtlich.

Wir haben mit den beiden über ihre doch ungewöhnlichen Räumlichkeiten, der Idee dahinter und über Kreativität gesprochen.

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Wie-Wir-Wollen.at: Wie seid ihr auf die Location gekommen?
Lino: Was neben uns jetzt das Café Prosa ist, war früher mal das Pier 15. Dort war Papertown und die Lichtfabrik. Papertown ist eine Arichtiektur-Design-Firma, die ganz viel aus Karton macht. Die haben uns auch ein paar Tische gemacht. Ich war damals in dem Kernteam der Lichtfabrik. Das war auch mein erster Kontakt mit dem 15. Bezirk. Wir waren sehr schnell von diesem Platz hier begeistert. Wir haben sehr schnell Anschluss an die Leute gefunden, die hier jeden Tag herumlaufen. Wir haben immer gescherzt, dass wir mal das Puff nebenan übernehmen. Der Vermieter des ganzen Hauses hier, hat irgendwann den Leuten vom Pier 15 gesagt, dass das Puff aufgelöst wird. Mir wurde dann der Grundriss geschickt und ich war sofort Feuer und Flamme und dachte mir, dass ich da eine Theaterbar mache. Dann habe ich ein paar Leute gefragt, ob sie Lust darauf hätten und Christina war die einige, die sofort zurückgeschrieben hat und die Idee genau so super fand. Ich war zu der Zeit auf Tournee in Mexiko und konnte eigentlich nichts machen.Sie hat alles hier organisiert.
Christina: Ich war im Puff bevor es geputzt wurde. Das sagt schon alles. Das war wirklich grauslich. Man hat sehr viel Fantasie gebraucht, um zu sehen, was man aus dem Raum machen kann.

Habt ihr die Gestaltung selbst gemacht oder habt ihr da jemanden engagiert?
Christina: Ein paar Freunde sind ab und zu vorbeigekommen und haben mit ihrem Werkzeugkasten ausgeholfen, weil wir selber noch nicht so viel hatten.

Wie lange habt ihr vor der Eröffnung an der Einrichtung gearbeitet?
Christina: Gemietet hatten wir es ab Mai letzten Jahres. Davor durften wir eine Probeveranstaltung machen, dank dem Vermieter, der auch da war und dem es sehr gefallen haben, was wir da machen. Ab Mai haben wir gebaut und eine erste Eröffnung gab es dann schon am 9. Mai, weil wir uns so gefreut haben, dass wir das haben. Seit August sind wir nun ganz offiziell eröffnet.

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Was bietet eure Bar?
Christina: Da ist einmal die einzigartige Atmosphäre eines ehemaligen Bordells. Ich glaube schon, dass das viele Leute neugierig macht. Trotzdem gibt es durch die Teppiche eine Wohnzimmer-Atmosphäre und durch die Beleuchtung. Und außerdem bietet es jeden Freitag und Samstag Veranstaltungen, die von Theater über Tagebuch-Slams, über Performances, Konzerte gehen. Wir versuchen die wirklich viel abzudecken. Wir versuchen auch hauptsächlich die Künstler aus dem 15. Bezirk zu fördern. Da gibt es zum Beispiel die Künstlergasse. Das ist ein Wohnprojekt in dem Künstler leben, die regelmäßig kommen und bei uns spielen. Und sonst kann natürlich jeder kommen, der möchte. Wir sind offen für Dinge, die wir noch nicht kennen. Eines unserer Lieblingsformate ist der „Late Night Liederabend“, bei dem wir versuchen, klassische Musik wieder zu etablieren. Wir sind überrascht, wie gut das angenommen wird und wie toll die Leute darauf reagieren, wenn ein Mann Arien schmettert. Das haben wir jetzt einmal im Monat. Wir haben auch alles zwei Wochen ein Pub-Quiz, bei dem auch kreative Antworten möglich sind. Wir haben auch einen Singer/Songwriter-Abend. Ansonsten kann man einfach herkommen, um etwas zu trinken, mit den Spielen die wir da haben spielen, Fotos machen oder Super Nintendo spielen.

Wie haben die Leute darauf reagiert, dass ihr in einem ehemaligen Bordell eine Bar machen wollt?
Christina: Die ehemaligen Stammgäste enttäuscht (lacht).

Kommen die noch?
Christina: Nicht mehr. Am Anfang waren sicher noch zehn pro Abend, die herein gestolpert sind und nach dem Puff gesucht haben. Ich habe das Gefühl, dass es sowas im Bezirk braucht. Wir haben schon unsere Stammkundschaft.

Ihr seid beide Schauspieler?
Christina: Genau.

Wie spiegelt sich das in der Bar wider?
Christina: Nun, wir haben beide sehr viele Kontakte in die Künstlerszene. Im Moment versuche ich noch zu vermeiden selbst hier zu spielen oder aufzutreten, weil es für mich noch mehr Kopf- und Organisationssache ist.
Lino: Wir sind sehr eng mit dem Improvisations-Theater verbunden und von da nehmen wir diese „Wir probieren es einfach aus“-Mentalität mit. Und wenn es nicht klappt, dann klappt es halt nicht, aber wir haben einen Spaß gehabt. Das ist sowohl eine Lebenseinstellung auf der Bühne, als auch die Einstellung mit der wir an diese Bar herangegangen sind. Wir probieren einfach aus. Wir versuchen natürlich auch unseren Künstlern breitgefächerte Möglichkeiten zu geben.

Gibt es etwas, was bisher von den Performances am spannendsten war?
Christina: Für mich war es tatsächlich der Liederabend, weil es so schön war zu sehen, wie die Leute völlig begeistert auf einen Menschen starren, der klassische Musik macht. Und das war deshalb so schön, weil ich schon das Gefühl habe, dass obwohl wir hier in Wien sind, klassische Musik am Aussterben ist.

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Was sind so Sätze oder Worte, die ihr von eueren Gästen hört?
Lino: Gemütlich, spannend, unfassbar viel zu entdecken. Wir haben Stammgäste, die immer wieder etwas Neues bei uns entdecken.
Christina: Wir hören auch sehr oft, dass sich Leute hier kennenlernen und jetzt wirklich befreundet sind. Es gibt einen gewissen socializing-effect. Es kommen auch Leute alleine her und setzen sich an die Bar und nach ein paar Stunden kennt man sich. Und es ist nicht awkward. Weil alles ohne Zwang passiert. Es ergibt sich. Gerade durch Spiele. Hier sind viele Freundschaften entstanden.
Lino: Und Kollaborationen von Künstlern. Die lernen sich hier kennen und drei Wochen später hast du plötzlich einen Flyer ihres gemeinsamen Projektes in der Hand. Hier ist es wie auf einer guten WG-Party.

Seht ihr das hier eher als Arbeit oder Abenteuer?
Christina: Am Anfang war es eher ein Abenteuer. Jetzt, da sich alles eingependelt hat, ist es jetzt ein  bisschen mehr Arbeit. Ich glaube aber, dass es wieder zum Abenteuer werden kann. Durch Dinge, die wir wieder verändern.

Hattet ihr im Vorfeld etwas mit der Gastronomie zu tun?
Lino: Ich komme aus der Gastro-Szene.
Christina: Ich habe das schon einmal gesagt: Jeder Schauspieler hat Gastro-Erfahrung.
Lino: Mein Vater ist Italiener und hatte immer seine eigenen Restaurants. Ich bin schon mit 12 hinter dem Tresen gestanden.

Habt ihr seit Mai eine wesentliche Erfahrung gemacht?
Lino: Ich schon. Ich habe noch viel mehr gemerkt, dass ein Barkeeper viel mehr Gesprächspartner ist, als er jemand ist, der Alkohol ausschenkt. Bei uns hat das auch eine andere Qualität. Meine Social Skills haben sich sehr erweitert, seit ich hier arbeite.
Christina: Ja, bei mir auch.
Lino: Und ich habe gemerkt wie gut ich handwerklich bin, wenn ich es will. (lacht)

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Ihr seid beide noch jung. Wie fühlt es sich an, etwas ganz eigenes zu haben.
Christina: Ich habe es noch immer nicht ganz realisiert. Für mich ist es noch immer ein bisschen Projekt, aber für mich ist es nicht „Ich bin jetzt erwachsen und Geschäftsführerin von einem Lokal.“ Sondern, dass das hier meines ist und ich hier meinen Spaß habe. Es ist etwas Zusätzliches und etwas Lino: Bei mir ist das auch so, aber doch ein bisschen anders. Ich bin seit fast sechs Jahren selbstständig. Also durch Theaterjobs. Für mich ist es, was Selbstständigkeit angeht, keine große Veränderung. Ob ich jetzt in der Bar stehe oder auf Workshops fahre oder sowas—eben auf eine andere Art und Weise. Mir hat es gezeigt, dass ich nie nicht selbständig arbeiten kann. Ich realisiere das hier schon.

Inwiefern hat das Irrlicht euer Leben verändert?
Lino: Weniger Zeit.
Christina: Definitiv weniger Zeit. Viel mehr Verantwortung.
Lino: Weniger soziale Kontakte.
Christina: Es ist ein wahnsinniger Aufwand in der Organisation. Das habe ich ein bisschen unterschätzt. Aber solange es mir Spaß macht, ist das vollkommen okay.

Habt ihr euch selbst dazu entschlossen ein Nichtraucherlokal zu machen?
Lino: Ja, ich bin Raucher, Christina ist Nichtraucherin. Es war einerseits eine finanzielle Geschichte und zweitens, weil wir ein Veranstaltungslokal sind.

Spürt ihr den Flair des Bordells noch?
Lino: Für mich ist das weg. Das ist jetzt mein Lokal.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Christina: Mehr Gäste unter der Woche.
Lino: Mein Wunsch ist, dass wir in 25 Jahren den selben Status haben wie das Concerto oder das Carina. Dass man uns in der Beisl-Landschaft in Wien kennt.
Christina: Aber ich bin fasziniert, wie viele Leute den Namen schon kennen. Es spricht sich sehr schnell rum.
Lino: Ich wünsche mir, dass ich irgendwann reinkomme, hier meine coolen Kellner stehen, die alle zwanzig Jahre jünger sind als ich und dann komm ich rein, die Kellner stellen mir einen Café hin und dann sehe ich die alten Stammgäste, die mit mir gealtert sind, gemeinsam mit Studenten und die ich dann ansehe und denke: „Ach, wenn wir wüsstet, wie wir uns hier vor zwanzig Jahren abgeplagt haben.“ Das ist mein Traum.

Letzte Frage: Habt ihr schonmal auf der Stange getanzt? Heimlich?
Lino: Ja.
Christina: Heimlich nicht, offiziell schon.
Lino: Ich beides. Ja, auch heimlich.(lacht)

Danke euch und viel Glück!

Text und Interview: Isabella Khom, Fotos: Sebastian Rossböck



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