HIVmobil

Wir wollen HIV-positiven Menschen das Leben erleichtern


Frau B. hat viel gesehen und erlebt. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, schmiss die Schule, experimentierte mit harten Drogen und verdiente das dafür nötige Geld als Sexarbeiterin. Ob sie sich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr oder durch bereits benutzte Nadeln im Zuge ihres Heroinkonsums mit HIV infiziert hat, weiß sie nicht. Heute ist sie über 40 Jahre alt und lebt alleine in einer heruntergekommenen Substandard-Wohnung in Wien. Zu ihrem unehelichen Kind konnte sie nie eine Beziehung aufbauen, ihr langjähriger Lebensgefährte ist vor einigen Jahren verstorben. Frau B. leidet nicht nur am HI-Virus, sondern hat auch mit weiteren Krankheiten, den Folgen eines Verkehrsunfalles und sozialer Isolation zu kämpfen.

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Der Verein HIVmobil hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen wie Frau B. das Leben zu erleichtern. Ausschlaggebend für die Gründung der Initiative war die Ausgangslage, die bis vor wenigen Jahren vorherrschte: “HIV-positiv zu sein, war in den 1990er-Jahren mit langwierigen und gleichzeitig nicht zwingend notwendigen Krankenhausaufenthalten verbunden. Vor der Kombinationstherapie endete die Krankheit zudem meist tödlich”, sagt Beate Dannoritzer, Mitgründerin und Geschäftsführerin von HIVmobil in Wien. Menschen, die sich damals mit der Aids-Pflegethematik beschäftigt haben und mit dieser unzufrieden waren, haben sich Mitte der 90er zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. In dieser wurde versucht, Wege zu finden, Menschen mit Aids in deren eigenem Zuhause zu betreuen und medizinisch und pflegerisch akkurat versorgen zu können, damit eine Entlassung aus der stationären Behandlung möglich wird. Rund um diese Arbeitsgemeinschaft wurde HIVmobil im Jahr 1999 gegründet und als eigenständiger Verein ins Leben gerufen.

Schwierige 1990er-Jahre
Das Krankheitsbild der HIV-infizierten Klientinnen und Klienten des Vereins war und ist ein überaus komplexes; trotz verbesserte Medikation hat sich daran bis heute wenig geändert. Jan Kubicek, der sich bei HIVmobil um administrative Tätigkeiten kümmert, erzählt: “Man wusste im Krankenhaus in den 1990er-Jahren häufig nicht wirklich, wie und wohin man HIV-positive Patienten in die häusliche Pflege entlassen konnte. Ambulante, speziell auf die Bedürfnisse dieser Patienten zugeschnittenen Einrichtungen gab es damals noch nicht. Man war mit der Krankheit überfordert, deshalb mussten Menschen teils viel länger als notwendig im Spital bleiben.” Dieser Umstand war sowohl für die Stationen im Krankenhaus wie auch, in noch viel größerem Ausmaß, für die Patientinnen und Patienten selbst überaus unangenehm.

Das Konzept von HIVmobil
Damit die Pflege zuhause möglichst komplikationsfrei funktioniert, wartet HIVmobil mit einer Besonderheit auf: Das zwölfköpfige Pflege-Team rekrutiert sich nämlich aus diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegern, die aktuell oder in der Vergangenheit auf Aids-Stationen im Otto Wagner Spital oder im AKH Wien arbeiten oder gearbeitet haben. Vorteilhaft ist außerdem, dass der ärztliche Leiter der Unternehmung, Dr. Wolfgang Steflitsch, auch auf einer Aids-Station tätig ist. Das bedeutet, dass Patienten vom gleichen Arzt an die HIVmobil-Pflegefachaufsicht, DGKS Eva Stifter, übergeben werden, der sie zuvor im Krankenhaus betreute und der auch danach in anordnender Position die Pflege beaufsichtigt. Eine Entlassung läuft somit ohne Kommunikationsverluste und so reibungslos wie möglich ab. Außerdem kann derselbe Arzt die Patienten auch zuhause besuchen.

Noch ein weiterer entscheidender Vorteil entsteht durch diese Konstellation: Persönliche Beziehungen, die bereits im Krankenhaus aufgebaut wurden, können in der teils schwierigen, weil sehr privaten, häuslichen Betreuung weitergesponnen werden. “Bei der Pflege in den eigenen vier Wänden geht es stark um Vertrauen, jemanden überhaupt in die eigene Wohnung zu lassen. Es kommt vor, dass sich Patienten oder Patientinnen ein bestimmtes Pflegepersonal wünschen, also Personen, die sie schon von der Station her kennen und mit denen sich zwischenmenschlich mitunter schon ein besonderes Vertrauen entwickelt hat”, erklärt Jan Kubicek.

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Doch nicht nur die Verabreichung von Medikamenten und die Beobachtung körperlicher Beschwerden gehört zu den Aufgaben des HIVmobil-Pflegeteams, auch psychologischer Beistand und die Vermittlung eines Gefühls des Verständnisses und der Geborgenheit sind für die Patientinnen und Patienten überaus wichtig. Beate Dannoritzer meint zu diesem Aspekt der Pflege: “Auch im Jahr 2014 haben HIV-positive Menschen immer noch Angst davor, in der Betreuungssituation ausgegrenzt und diskriminiert zu werden. Obwohl diese Angst vielleicht nicht immer berechtigt ist, ist sie ein Problem, das die Menschen beschäftigt.”

Eine HIV-spezifische Fachausbildung gibt es für das Pflegepersonal nicht, stattdessen sind Erfahrung und Sensibilität gefragt, denn die Lebenswelten der Klientinnen und Klienten sind teils herausfordernd und mit Themen wie Armut, Substanzen oder Sexarbeit verbunden.

Da die medikamentöse Behandlung von HIV-Patientinnen und -Patienten in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht hat, ist eine Infektion heute bei richtiger Behandlung zwar kein Todesurteil mehr, sehr wohl aber eine chronische, lebenslange Beeinträchtigung. Es entsteht erhöhter Pflegebedarf, da die betroffenen Menschen einfach älter werden und zusätzlich Begleitkrankheiten und Nebenwirkungen dazukommen. Und noch ein weiteres Problem gilt es zu beachten, wie Jan Kubicek im Gespräch erläuterte: “Einige Patienten haben anfänglich Therapienin Anspruch genommen, die sehr aggressive Nebenwirkungen hatten. Diese Menschen müssen nun mit einigen Langzeitfolgen leben.”

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Die Finanzierung
Der Verein HIVmobil und die dahinterstehenden Dienstleistungen wurden von 1999 bis 2004 ausschließlich von AIDS LIFE übernommen, dem Hintergrundverein zum Lifeball. “Der Umstand, dass in Wien der Lifeball stattfindet, ist ein wichtiger Faktor, dass es HIVmobil überhaupt gibt”, sagt Beate Dannoritzer. 2004 kam schließlich auch die Stadt Wien hinzu. Aktuell wird HIVmobil zu zirka 50 Prozent durch AIDS LIFE und 50 Prozent durch die Stadt Wien finanziert. Es werden pro Monat durchschnittlich 30 Personen betreut, teilweise steigt der Betreuungsbedarf sogar auf über 40 Klientinnen und Klienten. Gleichzeitig schwankt die benötigte Betreuungszeit. So kann es vorkommen, dass es zwar weniger Personen zu pflegen gilt, diese jedoch in Summe mehr Zeit in Anspruch nehmen. Hilfe ist immer äußerst willkommen.

Wenn du HIVmobil mit einer Spende unterstützen möchtest, kannst du das hier tun.

Text: Raphael Schön, Fotos: Verein HIVmobil (Patrik Grill)



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