Christine Daxer & Herbert Pichler

Wir wollen mit dem Traktor zum Nordkap


Mit einem 53 Jahre alten Oldtimer-Traktor und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade einmal 24,5 km/h zum (beinahe) nördlichsten Punkt Europas: Herbert Pichler und seine Lebensgefährtin Christine Daxer legten so in zwölf Wochen rund 8.800 Kilometer zurück – und lernten dabei die nordische Gastfreundschaft schätzen und lieben.

Die Idee zu einer Reise zum Nordkap reifte bereits vor rund zwei Jahren: “Ich wollte wieder einmal das Gefühl erleben, nicht immer zeitlichem Druck ausgesetzt zu sein. Außerdem wollte ich unbedingt mal in den Norden. Da ich gerne langsam reise und auch mit dem Fahrrad schon längere Zeit unterwegs war, ist mir die Idee gekommen, das Ganze mit einem Traktor zu machen”, sagt Herbert. Der 53-Jährige ist selbständig und betreibt eine kleine KFZ-Werkstatt in Salzburg. Stress und Termine gehören für ihn seit Jahrzehnten zum Geschäft. Dass er sich überhaupt eine Auszeit von drei Monaten gönnen und die Reise antreten konnte, verdankt er einem treuen Mitarbeiter, der während seiner Abwesenheit die Leitung der Firma übernahm.

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Vorbereitungen und Start

“Als ich mich gemeinsam mit Christa entschieden hatte, dass wir es fix machen, haben wir uns einen Traktor und einen Wohnwagen gekauft. Ich musste einiges umändern, damit beides zusammenpasste. Da ich Karosseriebauer bin, konnte ich aber alles in Eigenregie machen”, erzählt Herbert stolz. Ansonsten gab es aber bewusst wenig Vorbereitungen. Auf ein Navi wurde verzichtet, stattdessen orientierten sich Herbert und Christa mit Straßenkarten oder fragten einfach Einheimische nach dem Weg. “Wir wollten uns einfach mal für drei Monate ausklinken. Wir haben nicht mal mitbekommen, wer Fußball-Weltmeister geworden ist. Das haben wir erst in einem Supermarkt in Schweden zufällig auf der Titelseite einer Zeitung gelesen. Wir haben es sehr genossen, dass wir vom Weltgeschehen nicht sonderlich viel mitbekommen haben.”

„Wir wollten uns einfach mal für drei Monate ausklinken. Wir haben nicht mal mitbekommen, wer Fußball-Weltmeister geworden ist.“

Am 20. Mai 2014 starteten die beiden schließlich in Salzburg. Sie fuhren über Deutschland durch Dänemark, überschifften nach Norwegen, und fuhren dort an der Küste entlang bis zum Nordkap. Vom Nordkap aus ging es dann wieder retour Richtung Süden: Der Traktor durchquerte einen Teil von Finnland, tuckerte an der Ostküste Schwedens entlang runter bis nach Stockholm und brauste quer durchs Land nach Trelleborg und wieder zurück nach Deutschland. Über den Osten von Deutschland ging es südwärts bis nach Tschechien und dann über Freistadt nach Österreich und schließlich zurück nach Salzburg. In den zwölf Wochen auf Achse bis zur Rückkehr am 13. August 2014 in Salzburg erlebten die beiden so einiges – und das abschließende Urteil fällt eindeutig aus: “Wir haben auf der Reise so viele positive Erfahrungen gesammelt, dass wird mit gutem Gewissen sagen können, dass diese Reise das Genialste war, das wir je gemacht haben.”

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Nordische Gastfreundschaft

Vom Trip ist den beiden vor allem Norwegen in guter Erinnerung geblieben. Schon beim Verladen der Fähre von Dänemark nach Bergen in Norwegen haben sie gemerkt, dass eine ganze Menge Menschen Interesse an der Reise hatten und sich mit dem Traktor fotografieren lassen und Fragen stellen wollten. “In Norwegen hat sich das alles so richtig gesteigert und ist fast schon ein wenig eskaliert. Irgendwann hat uns ein norwegischer Journalist darauf angesprochen, ob er einen Bericht machen dürfe, und wir haben uns dabei nicht viel gedacht. Jedenfalls hat dann der zweitgrößte Fernsehsender in Norwegen einen Beitrag über uns ausgestrahlt. Von da an waren wir in ganz Norwegen bekannt. Überall haben Leute gewartet, uns zugewunken und uns begrüßt. Das war teilweise richtig schräg”, so Herbert.

„Überall haben Leute gewartet, uns zugewunken und uns begrüßt. Das war teilweise richtig schräg.“

Obwohl der mit 34 PS ausgestattete Traktor fast vier Tonnen Gewicht ziehen musste und demnach meist nur etwas schneller als 20 km/h fahren konnte, gab es auch auf der Straße nur positive Reaktionen: “Es war nicht einer sauer, dass wir langsam gefahren sind – im Gegenteil, Autos haben uns ganz langsam überholt, haben Daumen hoch gezeigt und Fotos gemacht”, erzählt Christa. Und sogar LKW-Fahrer, bei denen man sich eigentlich denken könnte, dass sie den Traktor mitsamt Wohnwagen wohl vor allem als Hindernis sehen, haben eigentlich immer Daumen hoch gedeutet und waren immer freundlich. Was andere über sie denken, war für Christa allerdings nicht wirklich entscheidend: “Manchmal haben wir uns schon gefragt, ob uns die Leute eher auslachen als mit uns zu lachen – aber das wir mir eigentlich egal, weil ich es super fand, so vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.” Und Herbert weiter: “Wir haben ja auch ein großes Schneckenhaus auf den Wohnwagen aufgeklebt und auf die Rückseite des Wohnwagens “Mich zieht ein Traktor” und “Wer langsam fährt, kommt auch ans Ziel” drauf geschrieben. Also wir konnten auch über uns selber lachen.”

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Technische Probleme und noch mehr Gastfreundschaft

Im Norden der norwegischen Lofoten gab es ein technisches Problem: Der Traktor hatte seinen Dienst versagt und musste in eine Werkstatt abgeschleppt werden. Doch auch diese negative Erfahrung hatte sich bald zum Positiven gewendet: “Das erste, was der Werkstatt-Besitzer zu mir sagte, war: ‚I have seen you in TV‘. Das war sehr lustig und der Beginn einer Freundschaft, die ich wirklich genossen habe”, erzählt Herbert.

Da es einige Schwierigkeiten mit Ersatzteilen gab, die erst in Deutschland bestellt werden mussten, waren Herbert und Christa gezwungen, einige Tage Pause einzulegen – doch auch das hatte wiederum seine guten Seiten, wie Herbert erzählt: “Nach vier oder fünf Wochen hatte ich dann das Gefühl, dass ich endlich da angekommen war – ohne Termindruck und mit einem Gefühl von Freiheit. Dabei hat mir der Traktor in gewisser Hinsicht geholfen, weil er eben kaputt war und wir pausieren mussten.”

„Nach vier oder fünf Wochen hatte ich dann das Gefühl, dass ich endlich da angekommen war – ohne Termindruck und mit einem Gefühl von Freiheit.“

Die bereits erwähnte Gastfreundschaft kam auch hier wieder zum Tragen: Herbert bekam Arbeitskleidung spendiert und der Chef übergab ihm sogar den Schlüssel zur Werkstatt, damit er, wann immer er wollte, am Traktor arbeiten konnte. “Wir wurden aber auch privat eingeladen von einem Angestellten der Werkstatt, der der Besitzer einer Huskey-Farm war”, so Christa.

Doch nicht nur zwischenmenschlich stimmte alles, auch beim Wetter hatten die beiden Glück, denn während es in Österreich und Mitteleuropa über weite Strecken hinweg gar keinen richtigen Sommer gab, erlebte der Norden durchgehend schöne Sommermonate. “Dadurch, dass wir aufgrund des Defektes am Traktor erst später zum Nordkap kamen, hatten wir dort auch perfektes Wetter. Also hat sich das im Endeffekt auch positiv ausgewirkt”, erklärt Herbert.

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Resümee und Rückkehr

Nach der Ankunft in Salzburg hatten beide mit Fernweh zu kämpfen. “Ich habe schon einige Reisen unternommen, aber hier passierte es zum ersten Mal, dass ich von einer Reise zurückkam und traurig war. Ich habe mich schon auf meine Familie und meine Kinder gefreut, aber es war traurig, dass diese schöne Reise ein Ende gefunden hatte”, erzählt Christa schwermütig. Und auch für Herbert war die Umstellung zurück auf den Alltag nicht einfach: “Ich habe sicher vier Wochen gebraucht, bis ich so richtig angekommen war, bis ich mich im gewohnten Umfeld wieder wohl gefühlt habe.”

Steht als nächstes eine Traktor-Weltreise an? “Ziele gäbe es viele, aber wir haben uns noch keine wirklichen Gedanken darüber gemacht”, sagt Herbert. Christa antwortet auf die Frage aber ohne zu zögern mit “Australien”.

Text: Raphael Schön, Fotos: Privat



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