Die Gruft

Wir wollen obdachlosen Menschen helfen


Die Gruft in Wien Mariahilf sagt heute beinahe allen Wienerinnen und Wienern etwas. Zumindest haben sie schon einmal gehört von ihr. Nach dem Ausmisten des Kleiderschranks etwa, wenn die beste Freundin den Vorschlag macht, die aussortierten Stücke doch zur Gruft zu bringen, immerhin „brauchen’s die eh.“ Richtig. Besonders gefragt ist derzeit natürlich warme Winterkleidung, denn der unaufgeregte Plakat-Claim „Härter als mein Schlafplatz ist nur der Winter“ ist für Obdachlose auf der ganzen Welt Programm.

Das Betreuungszentrum Gruft wurde im Dezember 1986 von einer Schülergruppe des nahen Amerlinggymnasiums gemeinsam mit dem damaligen Mariahilfer Pfarrer als Teestube für obdachlose Menschen gegründet, ein Jahr später vom Verein der Vinzenzgemeinschaft zu einem Tageszentrum erweitert und im Jahr 1994 schließlich zu dem umgebaut, was es heute ist: ein 24h-Betrieb mit Nachtstreetwork. Seit 1. Juli 1996 ist die Caritas der Erzdiözese Wien Trägerin der Gruft. Sie gehört dort zum Bereich Hilfe in Not.

DSC_9748

Die Gruft heißt übrigens Gruft, weil sie da, wo die heutige Nachtgruft ist, sprich der Schlafsaal mit den 60 Betten, damals angefangen und auch lange bestanden hat. Direkt im Gewölbe unter der Mariahilferkirche in der Barnabitengasse, einem Ort, der zuvor tatsächlich keiner für Lebende war. Judith Hartweger, die seit 2010 die Leiterin der Gruft im sechsten Bezirk ist (mittlerweile gibt es auch schon die „Zweite Gruft“ für Obdachlose aus dem EU-Ausland), zeigt uns im Schlafsaal, wo bis vor eineinhalb Jahren das Büro und das ihrer Mitarbeiter war. „Das ist das einzige Fenster, das man hier unten aufmachen kann, da standen unsere Schreibtische“, sagt sie lachend. Kaum vorstellbar, wenn man sich das helle, im September 2013 erst neu eröffnete Tageszentrum auf der anderen Seite der Pflastersteinstraße ansieht.

Die Gruft ist mit ihrer Geschichte gewachsen und erst mit der Zeit zu dem geworden, was sie heute ist. Das macht sie in Österreich einzigartig. Das wissen nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch die Klientinnen und Klienten.

Wie-Wir-Wollen.at: Wie bist du zur Gruft gekommen?
Judith Hartweger:
Ich bin seit 15 Jahren bei der Caritas, habe in einem Obdachlosenwohnheim als Sozialarbeiterin gearbeitet und dann ein Baby bekommen. In der Karenz habe ich hier einen Kollegen geringfügig vertreten. Dann ist die Gruft-Leitung frei geworden und ich bin gefragt worden. Ich habe erst drei Mal nein gesagt, weil ich mir dachte, das sei viel zu umfassend. Vor allem mit Kind. Als sie dann eine Art Teamleitungs-Konstrukt angeboten haben, bin ich eingestiegen und habe mir zwei Kolleginnen unterstellt. Die eine leitet das Team der Sozialarbeiter, die andere das der Betreuer.

Was machen die Sozialarbeiter und was die Betreuer?
Die Sozialarbeiter haben die Aufgabe, die Klienten ins Büro zu holen und zu schauen, was bei jedem ausständig ist. Ziel wäre es, die Leute in Wohnformen unterzubringen, aber das geht unterschiedlich schnell. Es kommt ganz darauf an, wie diejenige Person psychisch beinander ist.
Die Betreuer kümmern sich um den Tagesablauf, die machen den Schichtdienst, also Früh-, Spät- und Nachtdienst. Sie sind zu zweit oder zu dritt, schauen, dass das Essen auf den Tisch kommt, dass die Einrichtung sauber ist, dass die Zivildiener und Praktikanten beschäftigt sind, dass die Klienten halbwegs friedlich miteinander auskommen. Alles, was so anfällt.

DSC_9770

Wie viele Menschen arbeiten insgesamt hier?
Über 30.

Was bedeutet die Gruft für Wien?
Ich glaube, dass wir mittlerweile den Status erreicht haben, dass uns sehr viele Leute kennen und dass sehr viele Leute Auskunft geben können, wenn sie von Obdachlosen angesprochen werden. Dass sie sagen können „Gehen’S doch in die Gruft, dort können’S umsonst essen oder schlafen.“ Wir bieten hier neben der Essens- und Kleiderausgabe, Schlafmöglichkeit und Waschgelegenheit aber auch medizinische, psychiatrische und therapeutischer Versorgung.

Wird es in den Bundesländern denn auch einmal ähnliche Einrichtungen geben?
Vielleicht. Es kommen immer wieder Delegationen aus den Bundesländern und schauen sich die Gruft an, weil sie überlegen, so etwas Ähnliches zu installieren. Das Besondere an der Gruft ist sicher, dass sie über die Jahre gewachsen ist. Wenn man das alles auf einmal macht, hat man als Obdachloser wahrscheinlich alle Bedürfnisse abgedeckt, aber es fehlt das Gefühl, dass da etwas Gemeinsames entstanden ist. Das ist hier sehr spürbar.

DSC_9776

Sind die Klienten oft schnell wieder weg, wenn sie eine Wohnung haben?
Das passiert in seltenen Fällen, doch oft stehen wir noch länger in Kontakt. Nach vielen Jahren auf der Straße kann es auch sein, dass den Menschen zurück in einer Wohnung die Decke auf den Kopf fällt. Wir schauen daher auch, dass wir unsere ehemaligen Gäste weiterhin einbinden. Ich habe 39 Mithelfer, die kleinere Sachen machen, manche haben einenHandwerksberuf erlernt. Die können etwas reparieren. Das ist eine Aufgabe, das steigert den Selbstwert, sie bekommen auch ein bisschen Geld dafür. Auf die kann man sich verlassen.

Was hat es mir der Initiative „Kochen für die Gruft“ auf sich?
Da tun sich Privatpersonen, Firmen, Vereine, oft auch Schülergruppen zusammen und kochen für unsere Leute. Im Prinzip muss man da nur die Lebensmittel mitbringen und sich einen Termin ausmachen.

Welche Einstellung haben Wienerinnen und Wiener gegenüber Obdachlosen? Wie tolerant sind sie?
Ich glaube, sie sind es einfach gewöhnt. Egal, ob das jetzt Bettler, Klienten von der Suchthilfe unten am Gürtel oder Obdachlose sind. Man ist in Wien immer damit konfrontiert. Jetzt im Winter haben wir das Kältetelefon, wo man anrufen und sagen kann, ich sehe da jemanden, könnt ihr da einmal vorbeischauen? Das wird super angenommen. Das sind dann meine Sozialarbeiter, die die Plätze abfahren. Die sind ständig unterwegs. Wir haben dadurch auch schon Plätze entdeckt, auf die wir sonst nie gekommen wären. Wir wären zum Beispiel nicht auf die Idee gekommen, nach Neuwaldegg hinaufzufahren, da haben wir letztes Jahr eine Dame gefunden.

DSC_9793

Was passiert dann?
Wir versuchen, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Es sind auch viele dabei, die wir nicht verstehen. Da gibt es die Möglichkeit, dass wir die Sozialarbeiter-Dolmetscher anrufen, da haben wir einen Pool. Wir haben von jeder Sprache zwei, drei, damit auch immer jemand erreichbar ist. Dann schauen wir, was das Problem ist. Das Ziel wäre, die Leute mit in die Gruft zu nehmen, zu schauen, dass sie etwas zu essen bekommen, eine warme Dusche, was auch immer. Oder eben einen Psychiater, einen Arzt, ein Krankenhaus.

Wie viele Leute sind untertags in der Gruft und wie viele schlafen da?
Wir haben genau 60 Schlafplätze. Untertags sind es zu den Essenszeiten 200, letztes Jahr hatten wir einmal 280, da war es schon ziemlich voll. Es kommt auch immer auf die Zeit an, am Anfang des Monats kommen weniger, denn da haben sie selbst noch Geld, ab Mitte des Monats, ab dem 12./13. wird es dann wieder voller.

Was passiert, wenn die Betten nicht ausreichen?
Das passiert leider ständig. Wir handhaben es so, dass sich die Klienten um ein Bett anmelden. Die Betreuer gehen um halb 10 mit den Klienten hinüber in die Nachtgruft, dann können sie ihre Betten beziehen. Wenn ein Bett bis Mitternacht noch nicht markiert ist, wird es weitergegeben. Da kann es sein, dass schon Leute vor der Tür warten. Wenn jemand keinen Platz mehr hat, dann wird herumtelefoniert, ob nicht in einer anderen Einrichtung noch etwas frei ist.

DSC_9816

Wie gesagt, die Gruft ist relativ präsent. Was muss man bei der Pressearbeit beachten?
Wir erzählen gerne Geschichten, Einzelschicksale. Wir erleben ja sehr viele Dinge. Es ist immer schön, wenn uns jemand unterstützt. Auch Promis. Es ist gut, wenn die Bevölkerung mit verschiedenen Lebensrealitäten konfrontiert wird. Oft ist den Klienten der Medienrummel aber zu viel. Wenn ich da mit einer Gruppe durchgehe, dann geh ich ja eigentlich durch ihre Wohn- oder Schlafzimmer. Das gilt es zu respektieren.

Was haben die Menschen für Geschichten?
Wir haben einen älteren Russen, der hat so lange auf Parkbänken im Sitzen geschlafen, dass er bei uns nicht im Bett schlafen wollte. Wir haben dann gesagt, dass wir ihm keinen Sessel hinstellen, er müsse sich genauso ins Bett legen, wie alle anderen. Die erste Nacht ist er auf der Stiege gesessen und hat immer gesagt „nicht liegen“. Nach der zweiten Nacht hat er sich dann doch in ein Bett gesetzt und irgendwann ist er umgekippt. Der hat das überhaupt nicht gepackt, dass wir ihn zum Liegen auffordern.
Dann haben wir noch eine Dame, die ist schon über 70, sie leidet an einer psychischen Störung. In ihrer Vergangenheit dürfte es Menschen gegeben haben, die im Konzentrationslager ermordet worden sind. Sie hat immer das Gefühl, dass sie besprüht wird. Immer wenn jemand vorbeigeht, glaubt sie, der hat sie jetzt angesprüht mit etwas. Die war schon in ganz vielen Einrichtungen und überall ist sie davongelaufen. Bei uns ist sie jetzt seit zwei Jahren.

DSC_9806

Fällt es den Klienten leicht, ihre Geschichten zu erzählen?
Das ist verschieden. Es gibt welche, die sind so traumatisiert, mit denen kann man nur oberflächliche Gespräche führen. Wir haben drei Psychotherapeutinnen und zwei Psychiaterinnen, die da ansetzen. Es gibt auch welche, die reden überhaupt nichts. Einen haben wir, der rennt nur auf und ab und hält seine Hose, weil er keinen Gürtel annehmen will, und redet nichts. Und dann gibt es auch die, die einen Redefluss haben, bei dem sie das Innerste nach außen kehren.. Der Herr ohne Gürtel hätte seit vier Jahren ein Erbe in Niederösterreich, das er antreten könnte, will er aber nicht. Es geht nicht. Der Sachverwalter kommt auch nicht weiter.
Auf der Donauinsel hatten wir einmal einen Mann, mit dem haben wir drei Jahre lang nur durch die geschlossene Klotür geredet, weil er nicht aufgemacht hat. Nach drei Jahren hat er die Tür aufgemacht, nach fünf Jahren ist er ausgezogen. Man lernt schon viele interessante Leute kennen.

Was sind so die Pläne für die nahe Zukunft?
Wir wollen heuer schauen, dass wir bei den Bildungs- und Freizeitangeboten für die Klienten ansetzen. Wir haben zwar Einiges, zum Beispiel ein eigenes Fußballteam. Aber ichhätte gerne auch mehr mit den Kompetenzen von den Klienten gemacht. Wenn jemand kochen kann, dann kann der für die anderen einen Kochkurs anbieten. Sie haben ja nicht viel zu tun den ganzen Tag. Vor allem bei den Jungen merkt man einen irrsinnigen Bewegungsdrang. Aber jetzt schauen wir, fragen sie, was sie wollen, dann, was wir machen und dann, wer uns das finanziert. Wir sind ja immer umtriebig.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Nicole Schöndorfer, Fotos: Kurt Prinz



Comments