ETEPETETE

Wir wollen weiblichen DJs Mut machen


Im Kosmos der DJ-Szene sind Frauen noch immer erschreckend unterrepräsentiert. Dabei geht es doch gar nicht darum, wer hinter dem DJ-Pult steht, sondern um die Musik selbst. Die Clubkultur ist aber nach wie vor eine Männerdomäne und wird es wohl auch leider − trotz Workshops und Netzwerken − vermutlich noch länger bleiben. Einige wenige Ausnahmen gibt es aber glücklicherweise dennoch, beispielsweise Etepetete, von denen ihr vermutlich sogar schon gehört habt. Nane, Lisa und Lisge kennen sich seit ihrer Schulzeit und sind seit Jahren fester (und wichtiger) Bestandteil der österreichischen Clublandschaft. Beim Spring Festival 2007 in Graz haben die Mädels das erste Mal gemeinsam aufgelegt. Über einen Freund bekamen sie damals die Möglichkeit, einen einstündigen Slot zu bespielen. Das war die Geburtsstunde des DJ/VJ-Kollektivs.

etepetete2

Wer die drei schon einmal live erlebt hat, weiß, dass sie pure Energie freigeben, das Publikum mitreißen und wissen, was sie tun. Und obwohl sie einigen männlichen Kollegen mit ihren Skills und ihrer Performance weit voraus sind, müssen sie sich dennoch immer noch händeringend in der Szene behaupten.

Wir haben mit Nane, Lisa und Lisge über ihre Musik, die DJ-Szene und ihre Erlebnisse als weibliches DJ-Kollektiv geplaudert.

Wie-Wir-Wollen.at: Wie kam es überhaupt zu Etepetete?
Lisa: Wir sind in Graz schon immer gerne fortgegangen und ein Freund von uns hat dort in einem Lokal aufgelegt. Von ihm habe ich langsam gelernt, wie man ein Lied nach dem anderen von CDs abspielt − noch komplett ohne Mischen. Dann haben wir die Möglichkeit bekommen, beim Spring Festival 2007 aufzulegen. Lisge hat zu dieser Zeit schon Visuals gemacht.
Lisge: Ich war in einer VJ-Crew, die sich die VJ-Girls genannt hat. Wir dachten uns, dass man Auflegen gut mit Visuals vereinen kann.
Nane: Wir haben schon ganz am Anfang gewusst, dass wir auch Mode in unser Konzept integrieren wollen. Eine Freundin hat uns für Auftritte die Kleidung selbst geschneidert. Wir wollten, dass Etepetete ein Gesamtkonzept ist, bei dem wir vieles selber machen.

Wie war euer erster Gig für euch?
Lisa: Wir hatten die Möglichkeit, dort [auf dem Spring Festival 2007] eine Stunde zu spielen. Ich habe Nane angerufen und sie gefragt, ob sie berühmt werden will (lacht) − woraufhin sie gefragt hat, was sie dafür tun müsse. Ich habe dann gesagt: auflegen lernen. Wir haben diese eine Stunde akribisch vorbereitet und haben alle unsere Freunde dorthin gezwungen, weil wir der Überzeugung waren, dass es das erste und das letzte Mal sein wird, dass wir auflegen.
Nane: Das war damals diese „New Rave“-Zeit. Alles war erlaubt, alles war bunt und schräg, man konnte die „Baywatch“-Titelmelodie auf einem Minimal-Track spielen. Wir dachten, das wird ein legendärer Abend und das war er für uns rückblickend auch.
Lisa: Von da an hat immer eines das andere ergeben. Fast jeder Auftritt hat zu einem weiteren geführt, sei es eine Kooperation oder dass fünf Jahre später jemand drauf kommt, dass es uns ja noch gibt und uns bucht.

Wie ging es danach weiter?
Nane: Wir hatten damals einen MySpace-Account, über den kam die erste Anfrage rein. Die Mädels haben mich angerufen und gesagt: „Nane, setz dich hin. Wir haben eine Booking-Anfrage bekommen!“ Jedes Mal, wenn uns dann jemand angeschrieben hat, dachten wir uns: „Das gibt es ja nicht! Schon wieder!“ (lacht)
Lisa: Die Begeisterung über diese kleinen Dinge ist uns über die Jahre hinweg nie abhanden gekommen. Wir haben einmal bei irgendeiner Firmenfeier in Wien gespielt. Eigentlich etwas nicht so Berauschendes, aber wir sind vor Begeisterung fast ausgezuckt. Wir waren auf jede Kleinigkeit so stolz.

Gab es in den letzten Jahren ein Highlight bei einem dieser Gigs?
Lisge: Ja, und genau da war ich nicht dabei.
Nane: Wir wurden fürs Frequency gebucht. Wir haben zeitgleich mit Paul Kalkbrenner gespielt. Wir haben uns wie Kinder vor dem Christbaum gefühlt. Es hat sich herumgesprochen, dass unsere Halle voll geworden ist und die Stimmung gut war. Das war das erste Mal, dass wir Großraum gespielt haben. Es waren ein paar Tausend Menschen da. Die Leute haben uns gefeiert!
Lisa: Wir haben gewusst, dass Kalkbrenner nebenan spielt, und haben als letzte Nummer „Sky and Sand“ gespielt. Die Leute sind ausgeflippt. Das tut ja kein normaler Mensch.(lacht)
Nane: Er hatte Soundprobleme, sein Programm ist wollte nicht laufen. Wir haben seine Nummer gespielt. Danach hatten wir 300 Fans mehr auf Facebook.

etepetete4

Ist es euch schon einmal passiert, dass ihr in der Szene Probleme hattet, weil ihr Frauen seid?
Lisa: Kritik passiert meist subtil. So wie auch sonst oft im Alltag—dass man zum Beispiel als Frau ignoriert wird oder in Gruppen zuerst auf Männer zugegangen wird oder beiläufige Sätze die bei technischen Dingen fallen. Letztens ist mir etwas passiert, das nicht beleidigend, aber interessant war: Ein relativ junger Typ ist voller Erstaunen zu mir gekommen und meinte: „Eine Frau, die auflegt! Das habe ich ja noch nie gesehen.“ Das war nicht direkt beleidigend, aber es war, als würde er einen Alien sehen.
Nane: Ein anderes Beispiel: Ich habe für die Pratersauna für die Eventserie „Dusch Dich“ einige DJs gebucht. Bei dem Namen Nane weiß man ja nicht genau, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Da ist schon einmal passiert, dass ich einen Typen am Telefon hatte und er mir sagte dass er vor Ort ist. Ich bin zu dem vereinbarten Treffpunkt gegangen und ich sah ihn schon und hab ihm gewunken und er „wischte mich immer weg“ als wäre ich ein iPad-Foto, weil er eben nicht mit einer Frau gerechnet hat. Gleichzeitig hat er mir telefonisch immer wieder gesagt, dass er mich nicht sieht. Als er dann verstanden hat, dass er MICH sucht, meinte er, dass er überhaupt nicht mit einer Frau gerechnet hatte und sich den ganzen Abend dafür entschuldigt. Es gibt eben auch sehr wenig Veranstalterinnen.

Das war für ihn also vollkommen überraschend?
Nane: Ja, absolut. Ich habe den Eindruck, dass wir es als Frauen einerseits ein bisschen leichter haben, weil wir dadurch für die männlichen Kollegen eine komplett andere Kategorie sind, aber anderseits schieben sie dann auch unseren Erfolg und die Aufmerksamkeit, die wir bekommen, darauf, dass wir Mädels sind. Auf der einen Seite gibt man uns mehr Freiheit, andererseits nimmt man uns aber auch nicht so ernst.

Wie geht ihr damit um?
Nane: Gerade am Anfang, wenn man selbst noch ein bisschen verunsichert ist, nimmt man sich das, was die männlichen Kollegen sagen, schon sehr zu Herzen. Da waren ein paar Leute, die uns unterstützt haben, aber die meisten waren so:„Ja, jetzt macht’s halt ein bisschen und dann werden wir schon sehen.“

Habt ihr Gigs schon einmal nicht angenommen, weil sie für euch nicht vertretbar waren?
Nane: Es ist schon vorgekommen, dass wir Gigs nicht angenommen haben. Einmal hat uns jemand geschrieben, dass sie einen reinen Frauenabend machen, um Frauen zu unterstützen, und Frauen, die im Bikini-Oberteil kommen, hätten freien Zutritt. Denen haben wir abgesagt. Total absurd.
Lisa: Es gibt Tiefpunkte.
Nane: Wir wurden einmal von Typen bedrängt, bis wir die Securities rufen mussten. Das war schon arg. Als Konsequenz haben wir eine Zeit lang Securitys auf der Bühne gehabt.
Lisa: Es reichen drei angetrunkene Typen, die „ausziehen, ausziehen“ rufen und der Abend ist zerstört.

Wie reagiert ihr auf so etwas und wie fühlt ihr euch dabei?
Nane: Wenn so etwas passiert, bekomme ich schon das Gefühl, dass ich mich auf der Bühne nicht mehr bewegen will. Das ist mir sehr unangenehm, ich bin beschämt und es ist mir peinlich. Wenn man zum Objekt gemacht wird, mag man irgendwie nicht mehr.

Etepetete2_GLP(c)

Ich hoffe, dass das nicht allzu oft vorkommt und es mehr schöne Ereignisse gibt?
Nane: Ja, es passieren natürlich auch superlustige Dinge. Einmal ist jemand auf die Bühne gekommen und hat uns Trinkgeld gegeben. (lacht) Man muss auch sagen, dass es seitens der Veranstalter totalen Support gibt.

Wie ist das bei VJs, Lisge?
Lisge: Wenn man das Verhältnis zwischen DJ und VJ ansieht, ist der Frauenanteil bei VJs schon höher. Die Hemmschwelle ist niedriger, wenn Mädels als VJs anfangen und nicht gleich als DJ auf einer Bühne stehen. VJs fungieren eben öfter im Hintergrund.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Kolleginnen gemacht?
Nane: Wenn man auf jemanden wie Joyce Muniz trifft, fühlt man sich richtig willkommen. Wenn du nur mit Frauen auflegst, ist die Stimmung auch eine ganz andere.
Lisge: Mir kommt auch vor, dass es musikalisch etwas anders ist, wenn Frauen auflegen. Sie spielen ein bisschen melodischer und feiner.
Nane: Es gibt ja auch die These, dass Frauen besser hören und Männer besser sehen. Ich habe das irgendwo gelesen und argumentiert haben sie es damit, dass Frauen beim Sex angeblich immer Musik hören und Männer immer das Licht anhaben wollen. (lacht)
Lisa: Das heißt, Licht und Musik anzuhaben ist das Beste.
Lisge: Musik und Licht: Wir sind die Kombination!(lacht)

Woran liegt es eurer Meinung nach, dass Frauen in der Szene nicht so einfach akzeptiert werden und sich oft auch gar nicht trauen, überhaupt den Schritt in den Bereich zu wagen? Musik hat schließlich nichts mit dem Geschlecht zu tun.
Lisa: Nein, das nicht, aber sich zu exponieren, das Auftreten, hat extrem viel damit zu tun. Das ist über die Jahrhunderte hinweg in uns einprogrammiert worden, dass man sich als Frau eher zurückzuhalten hat. Wir merken es ja in allen Bereichen. In Online-Foren, auf der Uni melden sich Männer viel eher als Frauen – überall, wo es um Teilnahme geht, sind Männer aktiver.
Nane: Ich merke das ja auch bei mir selber. In dieser Gruppe von Frauen fühle ich mich total wohl und traue mich, eher etwas zu tun.
Lisa: Es bedarf auch Mutes. Vielleicht wollen viele die Energie da gar nicht reinstecken. Es ist ja auch ein Irrglaube, dass es viele Sängerinnen gibt.
Lisge: Wenn du auf der Bühne präsent bist, agierst du mit dem Publikum auch ganz anders. Du musst dich ganz anders präsentieren, als wenn du hinter der Bühne bist.

Reagiert ihr auf die?
Lisa: Ich ignoriere sie meistens.
Nane: Bei mir kommt es auf die Laune an. Es kann vorkommen, dass ich Konter gebe, oder aber ich bleibe freundlich. Wie im Privaten.
Lisge: Wir haben einmal in einem Club gespielt und da haben Jungs plötzlich Boxershorts auf die Bühne geworfen. Wir standen dann plötzlich in einem Haufen Boxershorts. Wir haben das dezent ignoriert.
Nane: Ich glaube, wenn du in so einer Situation alleine bist, kann es sein, dass es dir unangenehm wird.

Wart ihr schon einmal in der Position, dass Mädchen zu euch gekommen sind und gesagt haben, dass sie auch gerne auflegen würden, und ihr sie dahingehend unterstützt habt?
Nane: Ja, das ist schon vorgekommen. Wir haben auch zwei Mal Workshops für Frauen gemacht, die auflegen lernen wollten und ihnen unser Netzwerk angeboten.
Lisa: Wir haben auch einmal in einer Schule einen Workshop abgehalten.

ETEPETETE_toilet_(c)_GersinLiviaPaya

Mit DJ-Kollegen gab es bislang keine Probleme?
Nane: Zu den meisten haben wir eine sehr kollegiale Beziehung. Einmal kam es vor, dass Kollegen zu uns gesagt haben, dass wir nur gebucht werden, weil wir Frauen sind – obwohl die uns selbst gebucht hatten. Da haben wir die Zusammenarbeit aber auch beendet.

Würdet ihr euch wünschen, dass mehr Frauen auflegen, oder genießt ihr euren Status?
Nane: Beides.
Lisa: Es müssen mehr Frauen nachkommen, sonst ändert sich ja nie etwas. Das wäre entsetzlich.
Glaubt ihr, dass das ein österreichisches Problem wäre?
Lisa: Nein. Leider.

Wie könnte sich das Problem ändern und glaubt ihr, dass es sich ändern wird?
Nane: Das alles ist sinnlos, wenn es nur ein Diskurs ist, den ausschließlich Frauen führen – Männer müssen das auch ernst nehmen und sich fragen, ob sie nicht ein besserer Mensch wären, wenn sie sich zusammenreißen und Frauen respektvoll behandeln. Es geht ja nicht um Quoten, sondern um das tägliche Miteinander. Es sollte selbstverständlich sein, dass sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen. Alles andere ist ja wirklich beschämend.
Lisa: Wir haben gute Chancen, das noch zu erleben—alleine was in den letzten 40 Jahren passiert ist, ist der Hammer. Ich hoffe, dass sich da mehr tut. Wir wachsen auch mit der Lüge auf, dass Gleichberechtigung schon da ist.

Text und Interview: Isabella Khom, Fotos: Gersin Livia Paya



Comments